AIDS/HIV

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Modul: HIV-Infektion – Test und Behandlung

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Ärzte Zeitung, 17.03.2008

Trend zu einer früheren Therapie gegen HIV

Der beste Zeitpunkt des Therapiebeginns ist weiter ungeklärt / Patienten brauchen auch internistische Betreuung

HANNOVER/BERLIN (Rö). "Die antiretrovirale Therapie gegen HIV ist zur Lebensverlängerung bei einer chronischen Erkrankung die erfolgreichste Behandlung in der gesamten Medizin."

So charakterisiert der Aids-Spezialist Professor Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover die große Erfolgsgeschichte der Therapie gegen HIV. Um 15 bis 25 Jahre wird die Lebenserwartung HIV-Infizierter bereits verlängert.

Wie das erreicht wurde, und wo die Reise bei der Therapie künftig hingeht, hat Stoll aus Anlass der Münchner Aids-Tage, die an diesem Wochenende erstmals in Berlin stattgefunden haben, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläutert.

Beim Therapiebeginn für HIV-infizierte Menschen, die noch keine Symptome haben, ist und bleibt die Zahl der T-Helferzellen als Mass für die fortschreitende Zerstörung des Immunsystems durch HIV ein wichtiges Kriterium. Hier verschiebt sich das Pendel - wie schon einmal - derzeit allmählich zu höheren Zahlen. Galt bisher noch, dass ab einer T-Helferzellzahl von 200 pro Mikroliter Blut mit der antiretroviralen Therapie begonnen werden sollte, wird jetzt ein höherer Wert von 350 T-Helferzellen als Grenze diskutiert.

Die Lebenserwartung wird bereits um 15 bis 25 Jahre verlängert.

Der Grund: Aus Kohortenstudien lässt sich ableiten, dass bereits im Bereich von 200 bis 400 T-Helferzellen pro Mikroliter Blut die Risiken für eine schwere Erkrankung und für den Tod steigen. Das gelte für klassische opportunistische Infektionen HIV-Infizierter, sagt Stoll, aber auch für Hepatitis und überraschender Weise für kardiovaskuläre Ereignisse.

Der beste Zeitpunkt zum Therapiebeginn ist allerdings weiter ungeklärt. Besser gesicherte Erkenntnisse dazu soll nun die prospektive Studie mit dem Akronym START mit mehr als 4000 Patienten bringen. Die HIV-Therapie wird dabei entweder bei mehr als 450 T-Helferzellen begonnen oder erst dann, wenn die Zellzahl auf 275 bis 325 gesunken ist. Nach fünf Jahren werden die Raten von Patienten mit schweren Aids- und nicht Aids-assoziierten Symptomen in beiden Gruppen verglichen.

Ziel der Therapie gegen HIV ist weiterhin, die Virusreplikation dauerhaft zu unterdrücken. Dies gelingt mit einer hoch aktiven antiretroviralen Therapie, HAART genannt. Begonnen wird generell mit drei antiretroviral wirksamen Substanzen, also zwei Nukleosidanaloga plus entweder einem nichtnukleosidischen Hemmstoff der Revers Transkriptase oder plus einem Hemmstoff der Protease. Beide Schemata seien im Prinzip gleichwertig, so Stoll.

Die Bedeutung des Schemas mit dem Protease-Hemmer könnte wieder etwas zunehmen, vermutet der HIV-Spezialist. Und er erwartet, dass in die Therapieschemata Bewegung kommt. Der Grund: Mit der Einführung der Integrase-Hemmung etabliert sich eine weitere Substanzklasse in der antiretroviralen Therapie.

Bevor mit der Therapie begonnen wird, wird heute auf das Gewebsantigen HLA-B5701 getestet. Damit zeigt sich, ob eine Überempfindlichkeit auf das häufig verwendete Virustatikum Abacavir besteht. Und Standard ist inzwischen auch, vor Beginn einer antiretroviralen Therapie auf bereits bestehende Resistenzen zu testen. Denn: "Wir haben in Deutschland derzeit bereits zehn Prozent Primärresistenzen", sagt Stoll.

Mit der längeren Erkrankungsdauer, der längeren Therapie und dem zunehmenden Alter der schon lange mit HIV-infizierten Patienten nehmen die Häufigkeit von ungünstigen Langzeiteffekten zu. Lipidstörungen, Störungen des Zucker- und Knochenstoffwechsels und Atherosklerose werden bei den Patienten häufiger und bestimmen zunehmend die Prognose. Die HIV-Patienten brauchen deshalb auch eine gute internistisch hausärztliche Betreuung und oft auch eine Polypharmakotherapie, die sich mit den jeweils eingesetzten antiretroviralen Substanzen vertragen muss.

Weitere Infos zum Kongress unter www.aids-tage.de

STICHWORT

Grundsätze der antiviralen Therapie

Ziel der antiviralen Therapie ist, die Virusreplikation stark und dauerhaft zu unterdrücken. Die Auswahl der individuell geeigneten Kombination richtet sich nach eventuell vorhandenen Resistenzen, nach Zusatzerkrankungen, Komedikation und Lebensstil. Die Therapie soll begonnen werden, bevor HIV-assoziierte Symptome oder das Vollbild Aids eingetreten sind. Sie soll möglichst nicht unterbrochen werden. Es werden bevorzugt drei antiretrovirale Substanzen eingesetzt, in der Erstbehandlung sind darunter zwei Nukleosidanaloga, die die Revers-Transkriptase von HIV hemmen. Dazu kommt derzeit ein nichtnukleosidischer Hemmstoff der Revers-Transkriptase oder ein verstärkter Proteasehemmer. Eine gute Therapie setzt bei der individuellen Situation des Patienten an: im Leben, in der Partnerschaft, im Beruf. (Rö)

Lesen Sie dazu auch:
Safer Sex bleibt A und O der Aids-Prävention

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