Ärzte Zeitung online, 08.08.2008

Neuer Ansatz zur Aids-Therapie: RNA-Interferenz legt HIV lahm

CAMBRIDGE (dpa). Einen neuen Ansatz zur Bekämpfung der Immunschwächekrankheit Aids haben Forscher per RNA-Interferenz in Mäusen erfolgreich getestet. Sie schleusten winzige RNA-Moleküle in die infizierten Zellen, die dort bestimmte Viren-Gene lahmlegten. Auf diese Weise bremsten sie die Vermehrung und Ausbreitung der Viren.

Die RNA-Interferenz (RNAi) ist noch ein relativ junges Verfahren und wird derzeit zur Therapie bei verschiedenen Krankheiten erprobt. Mit der Methode lassen sich schnell einzelne Gene zielgenau abschalten, zum Beispiel solche, die an der Entstehung von Krankheiten oder der Vermehrung von Viren beteiligt sind. Dazu bringen die Wissenschaftler winzige RNA-Abschnitte (siRNA) in die Zellen, die in ihrem Aufbau genau zu den Genen passen, deren Funktion unterdrückt werden soll. Experten sprechen davon, die Gene stumm zu schalten.

Eines der Hauptprobleme bei der Anwendung besteht darin, die siRNA-Moleküle in die Zellen hineinzubringen. Den Forschern um Dr. Premlata Shankar von der Harvard Medical School in Boston gelang das nun, indem sie die Moleküle an einen Antikörper koppelten. Dieser Antikörper bindet an T-Zellen, also genau den Zellen, die bevorzugt vom Aidsvirus befallen werden. Sie testeten ihr Transportsystem an humanisierten Mäusen. Durch die Gefäße dieser Tiere floss Blut mit menschlichen Blutzellen. Die Wissenschaftler injizierten nun den Antikörper mit dem daran hängenden siRNA-Molekül direkt in die Blutbahn der Tiere.

Der Antikörper lagerte sich an die Zellmembran der menschlichen Blutzellen an, die ihn daraufhin mitsamt des angekoppelten siRNA-Moleküls verschluckten. In den Zellen schaltete das siRNA-Molekül die Erbinformation für den Viralen Ko-Rezeptor CCR5 stumm. Dieses Gen bildet normalerweise ein Eiweiß, das auf der Oberfläche der T-Zellen sitzt und ist für das Eindringen der Viren in die Zellen nötig ist. Nun infizierten die Forscher die Mäuse mit HIV.

Das Ergebnis: Die ansonsten übliche Zerstörung der T-Zellen wurde gebremst, die Ausbreitung der Viren verhindert. "Infizierte Mäuse, die mit dem siRNA-Mix behandelt wurden, sahen nahezu aus wie die nicht-infizierten Kontrolltiere", fasst Shankar die Ergebnisse zusammen. "Sie hatten zu vernachlässigende Viren-Titer und ihre CD4-T-Zellen blieben erhalten", berichtet die Forscherin in der Online-Ausgabe des Fachmagazins "Cell". In einem zweiten Versuch behandelten die Wissenschaftler bereits infizierte Mäuse mit dem Gemisch der siRNA-Moleküle. Auch dabei drosselte die Behandlung die Vermehrung der Viren und die Zerstörung der CD4-Zellen.

Ein besonderer Vorteil des Verfahrens liege darin, dass man damit auf die ständigen Veränderungen des Virus reagieren könne, so die Forscher weiter. Verändert sich nun eines der stumm geschalteten Gene durch Mutationen, brauche man nur das siRNA-Molekül dementsprechend anzupassen.

Fachartikelnummer DOI: 10.1016/j.cell.2008.06.034

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