Ärzte Zeitung, 08.08.2008

HIV-Therapie bleibt die Ausnahme - Millenniumsziel droht zu scheitern

MEXIKO-STADT (dpa). Die Versorgung von HIV-Patienten hat sich in den vergangenen Jahren weltweit deutlich verbessert. Jedoch lässt sich das UN-Millenniumsziel, bis 2010 alle Infizierten zu versorgen, trotzdem nicht erreichen, hieß es zum Abschluss der Welt-Aidskonferenz in Mexiko.

Von Franz Smets, dpa

Foto: dpa

Die Aussichten im Kampf gegen Aids bleiben düster: Der globale Seuchenzug des Immunschwächevirus HIV ist nicht zu stoppen, und die Infektion bleibt auf absehbare Zeit unheilbar. Die Welt-Aidskonferenz, die am Freitag nach gut fünf Tagen in Mexiko-Stadt zu Ende ging, widmeten sich denn auch mehr den politischen, finanziellen und sozialen Aspekten der Epidemie und weniger den wissenschaftlich medizinischen.

Auf dem Weg zum UN-Millenniumsziel, die Ausbreitung von Aids bis 2015 zu stoppen und die Seuche zurückzudrängen, war die Konferenz eine Standortbestimmung in der Frage, was in den Jahren seit dem Auftreten der Immunschwäche-Erkrankung erreicht worden ist.

Die Bilanz ist nicht immer ermutigend. Zwar hat sich die Zahl der Infizierten, die lebensverlängernde Medikamente bekommen, in den vergangenen sechs Jahren auf rund drei Millionen verzehnfacht. Das ist aber immer noch nur rund ein Drittel der 9,7 Millionen Bedürftigen, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO betont. Das Millenniumsziel, bis 2010 alle Bedürftigen weltweit zu versorgen, erscheint da kaum noch erreichbar.

Zudem konstatieren führende Aids-Forscher, die Vorbeugung gegen Aids habe bislang auf breiter Front versagt. Mehr als 90 Prozent der gefährdeten Menschen weltweit würden von den wichtigsten Präventionsprogrammen überhaupt nicht erreicht.

Es gibt auch gute Nachrichten: Konferenzpräsident Pedro Cahn kündigte an, dass bald drei neue Medikamente für die antiretrovirale Therapie auf den Markt kommen. Und unbestreitbar ist die Tatsache, dass HIV-Infizierte mit den teuren Medikamenten ein relativ normales Leben führen können, ein enormer Erfolg. Aber es fehlen noch die finanziellen Mittel, diese teure Behandlung allen Patienten weltweit zugänglich zu machen. Zumal sich aktuell die Krise der Energie- und Lebensmittelpreise in den Vordergrund gedrängt hat.

Und viele Experten warnten vor neuer Sorglosigkeit im Umgang mit Aids angesichts der Behandlungserfolge. Denn die Seuche ist erst besiegt, wenn es eines Tages einen Impfstoff gegen das Immunschwächevirus geben sollte. "Der Impfstoff ist aber weit und breit nicht in Sicht", mahnte ein Mitglied der deutschen Delegation. Viele Forscher wie der Chef des US-Instituts für Infektionskrankheiten, Anthony Fauci, halten es gar für fraglich, ob es ihn jemals geben wird.

Deshalb ist die Weltgemeinschaft gezwungen, die Ausbreitung der weltweiten Epidemie mit den Mitteln zu bekämpfen, die zur Verfügung stehen. Von der Konferenz in Mexiko geht vor allem das Signal aus, dass alle Länder der Welt Aufklärung zulassen und betreiben müssen. Sie müssen die Diskriminierung und Stigmatisierung der sexuellen und gesellschaftlichen Minderheiten bekämpfen. Dazu dürfte etwa die Konferenz in Mexiko für Lateinamerika einen großen Beitrag geleistet haben, weil Themen wie Homosexualität und Infizierung durch Drogenspritzen, aber auch Gewalt gegen Frauen in aller Öffentlichkeit ausgebreitet wurden.

Unterdessen dürfte auch der Druck auf den Vatikan weiter wachsen, seine ablehnende Haltung zu Kondomen zu ändern. Im katholischen Mexiko etwa werden zunehmend Frauen, die ihr Heimatdorf nie verlassen haben, von ihren Männern infiziert, die sich das Virus in größeren Städten geholt haben, wo sie arbeiten. Als ermutigend nahmen viele Teilnehmer die Botschaft eines Hindu-Führers aus Indien auf, das Wissen um die schützende Wirkung von Kondomen auch innerhalb der Religionsgemeinschaft zu fördern.

Fehlende Kenntnisse und mangelnder Kondomgebrauch, aber auch verseuchte Drogenspritzen sind wohl der Grund dafür, dass die Aidsepidemie in den vergangenen Jahren in den Ländern Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion erschreckend zugenommen hat. Der Exekutivdirektor des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose, Michel Kazatchkine, zeigte sich sehr besorgt über diese Entwicklung. Die nächste Welt-Aidskonferenz findet 2010 in Wien statt und dürfte vor allem Signale nach Osteuropa und in das Gebiet der früheren Sowjetunion aussenden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislaufsystem aufzutreten. mehr »

Für die Union ist Substitution von Ärzten kein Tabu

Nichtärztliche Gesundheitsberufe sollen stärker in die Versorgung eingebunden werden, fordert die Union. Ärztepräsident Montgomery benennt die Fallstricke für solche Pläne. mehr »

Partydrogen immer höher dosiert

Wiener Experten schlagen Alarm: Partydrogen wie Ecstasy und Kokain werden nach ihren Erkenntnissen wegen höherer Dosierungen und Reinheit immer gefährlicher. mehr »