Ärzte Zeitung online, 25.09.2009

Anti-Aids-Impfstoff: Effektivität noch viel zu gering, aber trotzdem ein Meilenstein

Zum ersten Mal konnte für einen HIV-Impfstoff in einer Phase III-Studie eine gewisse Schutzwirkung bei Menschen gezeigt werden. Dr. Ulrich Heide, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen AIDS-Stiftung, erhofft sich davon Rückenwind für die Impfstoffforschung. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" sieht Heide aber keine unmittelbaren Konsequenzen für die HIV-Prävention in Europa.

Anti-Aids-Impfstoff: Effektivität noch viel zu gering, aber trotzdem ein Meilenstein

Dr. Ulrich Heide: Ein Impfstoff in Deutschland braucht eine sehr hohe Effektivität.

Foto: Deutsche AIDS-Stiftung

Ärzte Zeitung: Wie bewerten Sie die Ergebnisse der thailändischen Studie?

Ulrich Heide: Die Studie ist in meinen Augen ein medizinischer Meilenstein. Aber sie ist noch längst nicht der große Durchbruch bei der HIV-Prävention. Die erreichte Effektivität von 31 Prozent ist noch viel zu gering, um in Ländern mit niedriger HIV-Prävalenz an eine Zulassung auch nur zu denken. Trotzdem sind die Ergebnisse enorm wichtig, weil sie zeigen, dass die Entwicklung eines HIV-Impfstoffs prinzipiell möglich ist. Nicht wenige Wissenschaftler haben in der Vergangenheit die Auffassung vertreten, dass die Impfstoffsuche bei HIV verlorene Liebesmüh ist, weil das Virus viel zu variabel sei, um sich durch eine Impfung beeindrucken zu lassen.

Ärzte Zeitung: Was hat die aktuelle Studie anders gemacht als andere Studien?

Ulrich Heide: Die Studie hat mit einer Kombination aus zwei Impfstoffen gearbeitet, Alvac® HIV von Sanofi Aventis Pasteur und Aidsvax® B/E von VaxGen. Beide Impfstoffe waren in Studien als Monotherapien wirkungslos gewesen. Deswegen waren die Studienleiter der thailändischen Studie auch von einigen Experten belächelt worden, als sie vor drei Jahren mit ihrer Studie starteten. Die Ergebnisse zeigen aber, dass die Intuition richtig war: So ähnlich wie in der antiretroviralen Therapie, wo wir ja auch erst durch die Kombination von unterschiedlichen Wirkstoffen eine dauerhafte Virussuppression erreichen, könnte auch bei der Impfstoffentwicklung der Schlüssel in Kombinationstherapien liegen. Man muss allerdings auch sagen, dass dies nicht die erste Studie war, die Impfstoffe kombiniert hat. Es gab bereits kombinierte Impfungen, die keinen Erfolg zeitigten. Ganz so einfach ist die Sache also nicht.

Anti-Aids-Impfstoff: Effektivität noch viel zu gering, aber trotzdem ein Meilenstein

Impfung gegen HIV in Thailand.

Foto: dpa

Ärzte Zeitung: Eine Schutzwirkung von 31 Prozent ist nicht gerade beeindruckend für einen Impfstoff. Sehen Sie trotzdem Chancen für einen klinischen Einsatz, zum Beispiel in Afrika oder Südostasien?

Ulrich Heide: Das muss sehr genau diskutiert werden. Es gibt mathematische Modelle, anhand derer sich errechnen lässt, dass ein Wirkstoff mit 31prozentiger Effektivität auf die Bevölkerung bezogen eine Schutzwirkung haben kann, wenn in einem Land mit sehr hoher HIV-Prävalenz ein erheblicher Anteil der Risikopatienten durchgeimpft würde. Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille. Ein Impfstoff gibt dem Geimpften immer auch ein gewisses Sicherheitsgefühl. Wenn das dazu führt, dass andere, sehr viel wirksamere Präventionsmaßnahmen, wie etwa der Einsatz von Kondomen, weniger häufig genutzt werden, dann geht der Schuss nach hinten los.

Ärzte Zeitung: Es gibt einen Präzedenzfall: Die Zulassung einer ebenfalls nur sehr eingeschränkt wirksamen Malaria-Vakzine in Teilen Afrikas…

Ulrich Heide: Ja. Deswegen sollte der mögliche Nutzen schon sehr genau evaluiert werden. Andererseits ist die Malariainfektion weit weniger abhängig von dem Risikoverhalten des Einzelnen. Die Voraussetzungen sind da also andere als bei der HIV-Infektion. Das lässt sich nicht eins zu eins übertragen.

Ärzte Zeitung: Welchen Effekt wird die thailändische Studie für die HIV-Impfstoffforschung haben?

Ulrich Heide: Einen sehr positiven, wie ich hoffe. Nach den vielen erfolglosen Studien der letzten Jahre war schon eine gewisse Frustration zu beobachten, bei Experten, vor allem aber auch bei der Politik. Das sind natürlich keine optimalen Voraussetzungen für die Einwerbung neuer Fördergelder. Nachdem wir jetzt wissen, dass eine Impfung prinzipiell möglich ist, könnte durchaus wieder so etwas wie eine neue Zuversicht entstehen. Das dürfte sich dann auch positiv auf die finanzielle Ausstattung der Impfstoffforschung niederschlagen.

Ärzte Zeitung: Wie lautet Ihre Botschaft an die HIV-Infizierten in Deutschland?

Ulrich Heide: Die Botschaft lautet, dass sich an den Empfehlungen zur Prävention nichts ändert, und dass auch nicht damit zu rechnen ist, dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern wird. Ein Impfstoff in einem Land wie Deutschland mit niedriger HIV-Prävalenz würde überhaupt nur dann zugelassen werden, wenn er eine extrem hohe Effektivität hätte. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Es gibt neue Hoffnung, aber mehr ist es derzeit nicht.

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz

Lesen Sie dazu auch:
Erste Erfolge mit einer HIV-Vakzine bieten Ansatzpunkte für neue Versuche
Ein Aids-Impfstoff ist noch lange nicht in Sicht

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Resistente Keime bedrohen Fortschritte aus Jahrzehnten

Jeder vierte Todesfall durch Antibiotika-resistente Keime weltweit wird durch Tuberkulose (TB) bedingt. Um die Situation zu verbessern, reichen neue Arzneien aber nicht aus, betonen TB-Experten. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »