Ärzte Zeitung online, 26.11.2009

"Will nicht nur auf Aids reduziert werden" - Eine Betroffene erzählt

BERLIN (dpa). Eigentlich wollte Rita mit ihrem Leben neu durchstarten. Sie hatte sich erst vor kurzem von ihrem Mann getrennt, die Zukunft stand ihr offen. Doch dann kam die Diagnose. "HIV positiv". Da war Rita Anfang 30 und ihr Leben wurde komplett auf den Kopf gestellt. "Heute habe ich HIV in mein Leben integriert - notwendigerweise", erzählt die mittlerweile 51-jährige Berlinerin.

Einfach war das nicht, schließlich nimmt Rita täglich zahlreiche Medikamente und ist seit Jahren berufsunfähig. Als bemitleidenswertes Opfer sieht sie sich trotzdem nicht. "Ich habe gelernt, dass ich gut bin, so wie ich bin. Auch mit HIV."

Ritas Infektion wurde 1991 erkannt, doch wahrscheinlich lebt sie schon seit etwa 1984 mit dem Virus. Schon wenige Jahre nach der Diagnose brach bei Rita die Krankheit Aids aus. Die Ärzte gaben ihr nur noch drei Jahre zu leben und ihr ging es so schlecht, dass sie lange im Rollstuhl sitzen musste. Hinzu kamen psychische Beschwerden. Rita litt wie viele andere HIV-Positive und Aidskranke immer wieder unter Depressionen. Das wiederum war jedes Mal weiteres Gift für ihre Aidserkrankung. "Wenn ich Depressionen oder Angstzustände habe, geht es mir auch körperlich schlechter."

Doch die schlanke Berlinerin gab nicht auf. Die gelernte Einzelhandelskauffrau fing an, die wegen ihrer starken Nebenwirkungen eigentlich verhassten Medikamente zu nehmen ("Ich war früher nie ein Tablettenfreak"), sie achtete mehr auf sich - und fing eines Tages sogar wieder an, im sozialen Bereich zu arbeiten. Das geht zwar seit 2006 nicht mehr, aber Rita ist weiter optimistisch. "Ich glaube, dass die Psyche mit zum guten Immunsystem beiträgt, deswegen versuche ich, möglichst positiv zu denken."

Wenn sie Sätze wie diese sagt, wirkt Rita - die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte - sehr entschlossen und reflektiert. "Es stimmt, es ist eine hammerharte Diagnose, es ist auf jeden Fall schwierig damit zu leben, aber ich will auch nicht nur auf Aids und die Rolle der ‚Positiven‘ reduziert werden", sagt sie selbstbewusst. "Mein Leben ist mehr als nur das."

Doch genau das passiert ihr als infizierte Frau immer wieder. Ein Großteil der Erkrankten in Deutschland sind schwule Männer, nur etwa 20 Prozent sind Frauen. "Frauen werden gerade in den Medien oft in der Opferrolle dargestellt", sagt die 51-Jährige. "Es scheint nicht zu interessieren, was ich sonst alles war und bin. Stattdessen interessiert bei Frauen mehr, wie arm sie dran sind."

Deswegen redet Rita auch nur ungern darüber, wie sie sich einst infizierte. Sie deutet zwar an, dass ihr Ex-Mann sie ansteckte, doch viel mehr verrät sie nicht. "Ich antworte nur sehr ungern auf die Frage nach dem 'Woher‘, weil es dann immer auch um die Schuldfrage geht", erklärt die Berlinerin. "Und das finde ich blöd."

Stattdessen freut sie sich über ihren halbwegs guten Gesundheitszustand - nachdem sie zeitweise bis zu 37 Tabletten am Tag nehmen musste. Genießt, dass sie weiter rausgehen und Freunde sehen kann. Und dass sie trotz der Erkrankung immer wieder längere Beziehungen hatte. "HIV durchzieht permanent mein Leben, aber der Auftrag ist, so gut wie möglich damit zu leben."

Für die Arbeit der bundesweiten Aids-Hilfen symbolisiert Rita damit das neue Bild der Infizierten: Schätzungen zufolge sind derzeit rund ein Drittel aller HIV-Infizierten über 50 Jahre alt und könnten dank hochwirksamer Medikamente noch viele Jahre leben. Für die Präventionsarbeit sind das allerdings ziemliche Herausforderungen. Denn wenn die Vorstellung entsteht, HIV sei kein Todesurteil mehr, nehmen vor allem junge Leute die Krankheit nicht mehr so erst. Vor Leichtsinn warnt Rita jedoch eindringlich. "Das ist weiterhin eine gefährliche Krankheit, die dein Leben auf den Kopf stellt und die Lebensqualität auch durch die Medikamente deutlich einschränkt."

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