Ärzte Zeitung online, 22.11.2010

Neuinfektionen mit HIV gehen auch 2010 nicht zurück

Neuinfektionen mit HIV gehen auch 2010 nicht zurück: 3000 haben sich angesteckt

BERLIN (eb). 2010 werden sich in Deutschland bis Jahresende etwa 3 000 Menschen neu mit HIV infiziert haben und damit ähnlich viele wie in den Vorjahren, schätzt das Robert Koch-Institut (RKI). Die Zahl der Todesfälle durch Aids wird für 2010 mit etwa 550 angegeben.

Bundesweit leben nach der aktuellen Schätzung des RKI etwa 70 000 Menschen mit HIV oder Aids. Diese Zahl steigt seit Jahren. Dank der wirksamen medikamentösen Behandlung sterben aber immer weniger Menschen mit HIV-Infektion: Im Jahr 2010 gab es etwa 550 Gestorbene. Die Zahl der Neuinfektionen ist erheblich höher als die Zahl der Todesfälle, heißt es in einer Mitteilung des RKI.

Unter den geschätzten 70 000 Menschen, die in Deutschland mit HIV oder Aids leben, bleiben Männer, die Sex mit Männern haben, mit 42 000 weiter die größte Gruppe, so das RKI.

Etwa 10 000 Personen haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert und 7 300 kommen aus sogenannten Hochprävalenzregionen und infizierten sich überwiegend in ihren Herkunftsländern und dort bei heterosexuellen Kontakten. Etwa 10 000 Personen haben sich über intravenösen Drogengebrauch mit HIV infiziert.

Die Zahl der geschätzten Neuinfektionen stagniert seit Mitte des Jahrzehnts auf hohem Niveau, nachdem sie Anfang des Jahrzehnts deutlich gestiegen war.

Einen wichtigen Beitrag zum Anstieg der HIV-Neuinfektionen in der ersten Hälfte des Jahrzehnts leistete die Zunahme anderer sexuell übertragbarer Erreger, insbesondere der Syphilis. Sexuell übertragbare Erreger fördern entzündliche Prozesse, wodurch sich Erkrankte leichter mit HIV anstecken.

HIV-infizierte Syphilispatienten geben HIV auch leichter weiter, sind also infektiöser. Die Zunahme sexuell übertragbarer Infektionen wurde begünstigt durch ein Risikomanagement, das auf der Kenntnis oder Abschätzung des gegenseitigen HIV-Status beruht.

Bei mutmaßlich gleichem HIV-Status beider Partner wird dann auf ein Kondom verzichtet. Dieses Verhalten kann somit paradoxerweise auf indirektem Weg zu einer Zunahme der Zahl der HIV-Infektionen führen.

Für den Anstieg der HIV-Zahlen spielen auch Veränderungen beim Therapiebeginn eine Rolle: Nach dem Jahr 2000 wurde die Behandlung in vielen Fällen nicht mehr direkt nach Bekanntwerden der Infektion begonnen, sondern auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Daher fand in den Folgejahren bei einem größeren Anteil der Patienten, bei denen eine HIV-Infektion diagnostiziert wurde, keine frühzeitige Reduktion der Infektiosität durch eine antivirale Therapie statt. Basierend auf neuen Erkenntnissen zum individuellen gesundheitlichen Nutzen eines früheren Behandlungsbeginns geht der Trend gegenwärtig dahin, wieder früher mit der Behandlung zu beginnen.

Die HIV-Neuinfektionen sollten jedoch nicht verwechselt werden mit den Neudiagnosen. Die Meldungen der Neudiagnosen erlauben keinen direkten Rückschluss auf den Infektionszeitpunkt, da HIV-Infektion und HIV-Test zeitlich weit auseinander liegen können.

Die aktuellen Schätzungen sind, ebenso wie eine Analyse der HIVEpidemie in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten, im "Epidemiologischen Bulletin" (2010; 46: 453) veröffentlicht. Im Internet sind zudem die wichtigsten Schätz-Zahlen für jedes Bundesland verfügbar.

www.rki.de, unter "Infektionskrankheiten A-Z" und "Aids"

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