Ärzte Zeitung online, 02.12.2010

Russische Polizei nimmt HIV-Infizierte fest

MOSKAU (dpa). Am Welt-Aids-Tag hat die russische Polizei zehn HIV-Infizierte festgenommen, die vor dem Regierungssitz in Moskau für ihr Recht auf Medikamente demonstriert hatten. Sie warfen dem Gesundheitsministerium am Mittwoch auf Plakaten vor, ein "Beerdigungsministerium" zu sein, wie Moskauer Medien berichteten.

Erstmals bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft auf ihrer Internetseite zahlreiche Versäumnisse der Behörden beim Einkauf von antiviralen Arznei- sowie von Diagnosemitteln. Nach Angaben von Aktivisten erhalten Zehntausende Infizierte keine Hilfe.

Russische Medien berichten seit Wochen über eine Unterversorgung von HIV-Infizierten mit Medikamenten. Immer wieder hatten Patienten auch auf der Straße für ihr gesetzlich verbrieftes Recht auf eine kostenlose Therapie demonstriert.

Nach offiziellen Angaben liegt die Zahl der Infizierten im flächenmäßig größten Land der Erde bei rund 570 000 Menschen, von denen etwa 130 000 eine Behandlung benötigen. Die Dunkelziffer wird auf mehr als eine Million Menschen in Russland geschätzt - bei etwas über 140 Millionen Einwohnern.

"Was die Geschwindigkeit angeht, mit der sich HIV bei uns ausbreitet, so sieht es inzwischen schlechter aus als in Afrika", sagte der Leiter des Föderalen Anti-Aids-Zentrums, Wadim Pokrowski, nach Angaben der Agentur Interfax. Nur etwa 75 000 Menschen erhielten derzeit eine Therapie. Notwendig sei ein nationales Schutzprogramm, weil sich täglich zwischen 150 und 160 Menschen infizierten.

Die Krankheit wird in Russland weitgehend tabuisiert. Aktivisten werfen den Behörden auch vor, die lebensgefährliche Unterbrechung von Therapien verschuldet zu haben, weil sie Arzneien nicht oder erst verspätet eingekauft hätten. Die Generalstaatsanwaltschaft bestätigte nun, dass es im Gesundheitsministerium zu zahlreichen Versäumnissen beim Einkauf gekommen sei. Immer wieder hatten auch Patienten ihr Recht auf eine Behandlung vor Gericht erstritten.

Auch die Kremlpartei Geeintes Russland zeigte sich besorgt über die Ausbreitung der Epidemie angesichts der großen demografischen Probleme des Landes. Allein in diesem Jahr seien 11 000 Aidskranke gestorben, sagte die Vizechefin im Gesundheitsausschuss der Staatsduma, Tatjana Jakowlewa. Betroffen sei besonders der aktivste Teil der russischen Bevölkerung. 70 Prozent der Infizierten seien unter 30 Jahre alt. Allerdings steige auch die Zahl der Ansteckungen unter den 30- bis 50-Jährigen, sagte die Abgeordnete.

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