Ärzte Zeitung online, 10.06.2011

Aidsexperte: "Wir haben die globale Katastrophe abgewendet"

NEW YORK (eb/dpa). UN-Chef Ban Ki Moon hat auf der UN-Konferenz zu HIV/Aids das ehrgeizige Ziel formuliert, Aids besiegen zu wollen. Wie hoch die Chancen dafür sind, schätzt Dr. Christoph Benn, Mediziner und Direktor des Globalen Fonds (Global Fund), im Interview ein.

Frage: Ist Bans Ziel, HIV/Aids in den kommenden zehn Jahren zu besiegen, realistisch?

Dr. Christoph Benn: Wenn wir mit dem gleichen politischen Willen wie in den vergangenen zehn Jahren weitermachen, wenn alle betroffenen Länder, die G8 und die G20 mitziehen, wenn wir außerdem neue Präventions- und Behandlungsmethoden entwickeln, darunter auch einen Impfstoff gegen HIV, dann bin ich optimistisch.

Also noch mal zusammengefasst: Voraussetzung sind der Wille, die Finanzen und die Innovationen.

Frage: Wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Benn: Wir brauchen die internationalen Mittel. Dafür ist der Global Fund gegründet worden. Unser Fonds betreibt Vorbeugung und deckt derzeit drei Millionen Menschen mit den lebensverlängernden Mitteln ein. Aber natürlich müssen sich die betroffenen Länder über ihren Haushalt auch selbst beteiligen. Zum Glück sorgen viele von denen, die wir anfangs unterstützt haben, heute allein für sich, Südafrika, Thailand, China, Brasilien. Damit können wir uns auf die ärmsten Länder konzentrieren.

Das heißt, ohne mehr Geld in unsere Kasse zu bekommen, werden jetzt sehr viel mehr Menschen versorgt. Und die Innovationen könnten diesen Effekt noch verstärken.

Frage: Fürchten Sie angesichts der Finanzprobleme traditioneller Geberländer wie den USA und Japan um die internationale Hilfe?

Benn: In der Tat hat die Wirtschafts- und Finanzkrise die Spendenbereitschaft gemindert. Nach einem starken Anstieg in den vergangenen zehn Jahren ist jetzt ein Plateau erreicht. Aber wir dürfen nicht nachlassen.

Wir haben eine große globale Katastrophe abgewendet und müssen jetzt den nächsten Schritt tun. Es ist Geld, das gut investiert ist. Wenn wir HIV-Infizierte aus Mangel an Geld aus der Behandlung entlassen, würde das ihren sicheren Tod bedeuten. Außerdem warten noch neun Millionen Menschen darauf, die Medikamente zu bekommen.

Frage: Von welcher Summe sprechen Sie?

Benn: Wir haben pro Jahr etwa drei bis vier Milliarden Dollar zur Verfügung. Trotzdem besteht eine erhebliche Lücke. Die internationale Gemeinschaft müsste ihren Beitrag in den kommenden zehn Jahren schrittweise noch um wenigstens 50 Prozent erhöhen.

Deutschland beteiligt sich im Moment mit 200 Millionen Euro pro Jahr. Aber wir müssen unser weiter ins Zeug legen, weil Deutschland wirtschaftlich besser dran ist als viele andere Geberländer. Ohne deutsche Unterstützung werden die Ziele nicht erreicht.

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