Ärzte Zeitung, 14.06.2011

Hausärzte bei HIV-Patienten stärker einbinden

Trotz der Erfolge bei der HIV-Therapie steht die Entwicklung etwa neuer Therapieprinzipien im Fokus der Forschung. Sie ist ein Schwerpunkt der Aids-Tagung in Hannover.

HIV-Versorgung: Hausärzte können verstärkt eingebunden werden

Beratung eines HIV-Infizierten zur geplanten Therapie.

© Gina Sanders / fotolia.com

HANNOVER (ple). "WISSENschafft Dir Perspektiven" - unter diesem Motto steht der 5. Deutsch-Österreichische Aids-Kongress, der am Mittwoch in Hannover eröffnet wird.

Der Präsident des größten deutschsprachigen Kongresses zu HIV und Aids, Professor Reinhold E. Schmidt von der Medizinischen Hochschule Hannover, erinnert daran, dass es trotz enormer Fortschritte in der Erforschung der HIV-Infektion und der Therapie HIV-Infizierter wichtig sei, in der Forschung, zum Beispiel nach neuen Therapieprinzipien, nicht nachzulassen, um die HIV-Erkrankung eines Tages beherrschen zu können.

Eines der aktuellen Forschungsgebiete zur Bekämpfung von HIV ist das antivirale Peptid VIR-576, das Schmidt und Professor Wolf-Georg Forssmann aus Hannover sowie die Professoren Dr. Frank Kirchhoff und Dr. Jan Münch von der Universität Ulm entwickelt haben.

Highlights: Fusionshemmer und Gentherapie

Es handele sich um ein völlig neues Therapieprinzip, so Schmidt. Denn das Peptid blockiert auf der Virusseite das Fusions-Eiweiß, das für die Verankerung auf der Membran der menschlichen Zellen essenziell ist, und lässt die menschlichen Zellen unbehelligt.

Wie andere HIV-Arzneien verringert VIR-576 die Virusmenge im Blut. Ein weiteres besonderes Highlight des Kongresses ist die Vorstellung einer neuen Gentherapie.

Jährlich infizieren sich in Deutschland etwa 3000 Menschen neu mit dem Aids-Erreger. Eine weitere Verminderung der Neuinfektion sei nur durch bessere Aufklärung, Enttabuisierung der HIV-Infektion und vermehrte Testung möglich, so Schmidt zur "Ärzte Zeitung".

Daraus folge auch, dass Betroffene und vor allem Mitglieder von Risikogruppen nicht ausreichend getestet würden. HIV-Infizierte würden oft erst im Stadium von Aids zu spät erkannt und hätten bis dahin schon viele andere angesteckt.

Allgemeinärzte bei Diagnostik und Therapie stärker einbinden

Auch Haus- und Allgemeinärzte werden für die verbesserte Versorgung HIV-Infizierter gebraucht. Nach Ansicht von Schmidt könnten sie verstärkt eingebunden werden durch mehr Fortbildung, umfangreicheres Testen und Mitbehandlung der komplexen Erkrankung gemeinsam mit entsprechenden auf die HIV-Infektion spezialisierten Zentren.

Ein weiterer Aspekt bei der Versorgung HIV-Infizierter sei, "dass unbedingt die sektorenübergreifende Versorgung - im Krankenhaus etwa mittels §116b - aufrecht erhalten bleiben muß, um eine hoch qualifizierte Versorgung von Patienten nach deren Bedarf sicherzustellen".

Der zunehmende Kostendruck führe gegebenenfalls zum Sparen an der falschen Stelle. Denn eine frühzeitige adäquate antiretrovirale Therapie sei langfristig - solange es noch keine Impfung gebe - die preiswerteste Maßnahme, so Schmidt.

HIV ein Problem vor allem bei Männern, die Sex mit Männer haben

Die Zahl der diagnostizierten HIV-infizierten Männer, die Sex mit Männern haben, hat sich in den vergangenen Jahren nach Angaben von Schmidt in Europa verdoppelt. Auch für diese Risikogruppe sei nach der erfolgreichen Therapie die Möglichkeit für die HIV-Infektion und Aids die bedrohliche Todesdrohung nicht mehr vorhanden.

Hier sei eine größere Sorglosigkeit eingetreten, so Schmidt. Zudem verhindere auch die Kriminalisierung und Ausgrenzung von HIV-Infizierten oft einen offenen Umgang mit der Infektion.

Die Heilung - besser noch die Prophylaxe auch durch präventive Therapie und noch besser durch Impfung - steht derzeit vollständig im Fokus der Forschung. Allerdings wird vor allem in der Bundesrepublik Deutschland zu wenig in diesen Bereich investiert, wie Schmidt bemängelt.

Weitere Themen: Ko-Infektionen, Langzeitnebenwirkungen

Die Bandbreite der Themen des diesjährigen DÖÄK ist breit gefächert. Nach Angaben von Schmidt geht es im Bereich der gesellschaftlichen Aspekte vor allem um neue Präventions- und intensivierte Teststrategien sowie um das Thema "HIV und Arbeit".

Im Bereich der Klinik der HIV-Infektion diskutieren die Teilnehmer die Ko-Infektionen von HIV, vor allem andere Geschlechtskrankheiten sowie Hepatitis C. In Hannover werden beim DÖÄK neue Therapien mit weniger Nebenwirkungen vorgestellt und und gegebenenfalls auch Fragen der Zweifachtherapie diskutiert.

Schließlich geht es in Kongressbeiträgen auch um Langzeitnebenwirkungen der HIV-Therapie sowie um genetische und andere Biomarker für die Therapievorhersage.

www.doeak2011.com

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ein Kongress nicht nur für Spezialisten

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »