Ärzte Zeitung, 29.11.2013

Welt-Aids-Tag

Auf der Suche nach echten Vorbildern

"Positiv zusammen leben" - das ist das Motto einer Kampagne der BZgA mit HIV- Patienten und Menschen, die trotz der Erkrankung zu ihnen stehen. Echte Vorbilder also - aber was ist eigentlich ein Vorbild?

Von Christian Beneker

bzga-motive-A.jpg

Aids-Kampagne der BZgA: unter anderem mit Promi-Sängerin Sarah Connor (2. Plakat) und nicht prominenten Menschen.

© BZgA

BERLIN. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat dieser Tage eine Kampagne zum Welt-Aids-Tag gestartet. "Positiv zusammen leben".

HIV-Infizierte lassen sich auf Plakaten mit Menschen abbilden, die trotz der Erkrankung zu ihnen stehen: Arbeitgeber, Ehemann, Trainingspartner oder Prominente, wie die Sängerin Sarah Connor, stehen zu Dennis, Doreen oder Holger, die infiziert sind.

Die Motive zeigen Menschen, die "positiv zusammen leben", schreibt die BZgA hoffnungsvoll. "Sie dienen als Vorbild und tragen dazu bei, die Akzeptanz gegenüber HIV-positiven Menschen zu fördern."

Das Sympathische an der Sache ist, dass nicht einfach ausschließlich "Promis" als Paten der Patienten ausgewählt wurden, sondern Leute wie du und ich. Will sagen, es könnte auch mein Alltag sein, mit HIV-Patienten zusammenzuleben, wie mit jedem anderen.

Aber "dennoch befürchten und erleben Menschen mit HIV immer noch Ausgrenzung aufgrund ihrer HIV-Infektion", schreibt die BZgA. Also brauche es Menschen, die es vormachen, wie ermutigend und hilfreich es für alle Beteiligten ist, zu Aids-Patienten zu stehen - mit Hilfe der Vorbilder aus dem Alltag.

Wie funktionieren Vorbilder?

Aber inwiefern dient es mir und den Aids-Patienten im Land, wenn ich weiß, dass Peter der Rückhalt seiner Aids-kranken Frau Angelika ist? Oder dass der HIV-Infizierte Steven die Unterstützung seiner Kollegenschaft hat? Peter und die Kollegen von Steven sollen Vorbilder sein. Doch wie funktionieren Vorbilder?

In Vorbildern spiegeln wir uns komplex, schrieb etwa der Zukunftsforscher Matthias Horx. "Wir wollen von ihnen lernen. Wir wollen uns durch sie erweitern und ergänzen. Wir wollen eine Botschaft hören, die wir noch nicht kennen. (...) Denn wir benötigen zur Selbst-Entwicklung stets auch eine starke, personifizierte Anregung von außen, einen personalisierten Leitstrahl der Veränderung."

Für Horx sind Vorbilder also etwas, was von außen an Menschen heran getragen wird, um sie von ihrer Trägheit oder Orientierungslosigkeit zu befreien und Entwicklung zu provozieren. Vorbilder sind also so etwas wie Leuchttürme.

Aber das erklärt nicht, wie Vorbilder funktionieren. Was geschieht im Bewunderer? Für den Psychologen Peter Schellenbaum sind Vorbilder eine besondere Art von Projektion.

Vorbilder sind aus seiner Sicht so engagiert, human, zivilcouragiert, kreativ und edel, wie die, die zu ihnen aufschauen. Aber Letztere hatten alle diese eigenen Haltungen und Ziele aus den Augen verloren. Schellenbaum nennt solche Vorbildfunktionen "Leitbildspiegelung".

"Wir erkennen Entwicklungsbereitschaften, die uns noch unbekannt waren, die wir aber dank dem Kontakt mit diesem Menschen (dem Leitbild, Red.) in uns selber wahrnehmen können."

Das bedeutet, Vorbilder funktionieren nicht deshalb, weil sie von außen eine Orientierung geben, wie ein Leuchtturm. Sondern sie funktionieren, weil sie in denen, die zu ihnen aufschauen, etwas offen legen, was schon lange da war, aber bisher noch nicht entdeckt wurde.

Erst im Vorbild entdecken sie, dass sie selber es sind, die nach Fairness, wahrem Altruismus, wahrer Autorität, Hilfsbereitschaft oder Edelmut und so weiter streben.

Ein Blick in den Praxisalltag

Eine Information freilich, die sie vorher nicht hatten, weil ihnen andere Dinge wichtiger waren. Diese Dinge haben ihre tieferen Absichten überdeckt. Vorbilder spiegeln nun nicht plump diese offensichtlichen Dinge.

Sondern Vorbilder haben die Gabe, das Überdeckte und die tieferen Absichten zu spiegeln und wiederzubeleben. Schellenbaum vergleicht ein Leitbild (Vorbild) deshalb mit einem Zauberspiegel im Märchen, "den wir nur anschauen müssen und dann die Antwort auf alle unsere Fragen entdecken."

Wem diese Debatte zu psychologisch gestelzt ist, dem hilft ein Blick in den Praxisalltag. Denn viele Ärzte, die von der Routine erdrückt werden, haben vielleicht nur ihre Vorbilder aus den Augen verloren.

Auf der letzten "practica" im Oktober in Bad Orb zitierte ein Arzt bewundernd einen alten Kollegen. "Mein Vorgänger hat berichtet, dass seine letzten Jahre im Beruf die besten und effektivsten gewesen seien", berichtete der Arzt, "denn in diesen Jahren habe er seinen Patienten vor allem zugehört."

Der Arzt auf der "practica" hat sein Vorbild gefunden. Es hat ihm gezeigt, wie wichtig ihm selbst ein offenes Ohr im Praxisalltag ist. Nun muss er entscheiden, wie weit er diesem eigenen Bedürfnis folgen will und selber "vor allem zuhören".

Letztlich dienen also Vorbilder zum Beispiel von Humanität, Toleranz oder Offenheit dazu, zur eigenen Humanität, Toleranz oder Offenheit durchzubrechen. Genau so funktioniert die Kampagne "Positiv zusammen leben".

Literatur zum Thema: Peter Schellenbaum, Wir sehen uns im Andern, Identifikation, Projektion, Leitbildspiegelung. Metanoia-Verlag 1992 (2).

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »