Ärzte Zeitung, 01.12.2016

Tabuthema

HIV-Infektionswelle überschwemmt Russland

Die Aids-Gefahr in Russland gilt seit Jahren als besonders hoch. Nun schlagen Experten Alarm: Aids breitet sich besonders in Nicht-Risiko-Gruppen aus. Wird HIV zum nationalen Sicherheitsrisiko – weil die Gesellschaft zu konservativ denkt?

HIV-Infektionswelle überschwemmt Russland

Eine Aids-Epidemie wird für Russland zunehmend zum Problem.

© Dmitry Rostovtsev / Hemera / Thinkstock

MOSKAU. Im Kampf gegen Aids ist Fernsehmoderator Pawel Lobkow für viele HIV-Infizierte ein Held. Als erster Prominenter in Russland erzählte er vor laufender Kamera von seiner Infektion – und von der Weigerung einer Klinik, ihn zu behandeln. Es war ein Tabubruch.

"Aber er blieb folgenlos, sieht man von Beschimpfungen im Internet ab", sagt Lobkow heute, ein Jahr nach seiner spektakulären Erklärung. Er hatte gehofft, dass der Staat endlich auf die rapide zunehmenden HIV-Infektionen in Russland reagiert.

Aber vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember ziehen Experten in Moskau ein erschreckendes Fazit: Sie sprechen von einer fast epidemieartigen Ausbreitung des Virus.

Wird HIV zum nationalen Sicherheitsrisiko?

"Die steigende Zahl von Infektionen in Russland wird aus Sicht mancher Mediziner zur Gefahr für die nationale Sicherheit", sagt der Arzt Wadim Pokrowski. Der Leiter des föderalen Zentrums für den Kampf gegen Aids fordert seit langem eine staatliche Strategie, um die Immunschwäche einzudämmen.

In den kommenden vier bis fünf Jahren drohe sich die Zahl der mit dem Virus Infizierten auf zwei Millionen zu verdoppeln, fürchtet Pokrowski.

HIV-Infizierte in Russland klagen immer wieder über einen Mangel an Medikamenten. Nach offiziellen Angaben sind in dem Land mit mehr als 140 Millionen Einwohnern mehr als 820.000 HIV-Infizierte registriert.

Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, weil sich wegen der Ausgrenzung der Betroffenen nicht jeder testen lässt. "Die Lage verschlechtert sich", fürchtet Pokrowski.

Russischer Gesundheitsminister beunruhigt

In seltener Offenheit zeigte sich auch Vize-Gesundheitsminister Sergej Krajewoj zuletzt beunruhigt. Betroffen seien längst nicht nur einzelne Gruppen, sondern die allgemeine Bevölkerung, räumte er ein.

"Das Bild hat sich geändert: Wenn Ende der 1990er Jahre die Mehrheit der Infizierten aus der Drogenszene kam und sich über verunreinigte Spritzen ansteckte, stammen heute 50 Prozent der Neuinfektionen in Russland von sexuellen Kontakten", sagte Krajewoj.

Experten zufolge geht davon nur ein Prozent auf gleichgeschlechtlichen Verkehr zurück.

Der Mediziner Pokrowski sieht Deutschland als positives Beispiel. Dort werde in den Schulen über HIV und Aids informiert, Erfolge gebracht hätten die Legalisierung von Prostitution sowie Programme für Drogenabhängige.

Pokrowski: "In Russland nimmt hingegen der Einfluss der orthodoxen Kirche immer mehr zu. Hier werden immer noch konservative Werte und ein konservatives Familienbild hochgehalten, obwohl die Wirklichkeit eine andere ist."

NGO als "ausländischer Agent" angesehen

Auch die Andrej-Rylkow-Stiftung in Moskau beklagt seit langem, dass in Russland Risikogruppen stigmatisiert und kriminalisiert werden. Die Nichtregierungsorganisation hilft seit Jahren Drogenabhängigen in Moskau, verteilt Spritzen, Kondome und HIV-Tests.

Staatlich gewürdigt wird dies nicht, im Gegenteil: Da die Stiftung Geld aus dem Westen erhält, wird sie einem umstrittenen Gesetz zufolge als "ausländischer Agent" eingestuft. "Damit behindern die Behörden unsere Präventionsarbeit massiv", sagt ein Mitarbeiter der Stiftung.

Im Mai 2016 weckte die landesweite Aktion "Stopp HIV/Aids" Hoffnung auf ein stärkeres Engagement des russischen Staates. Initiatorin war Swetlana Medwedewa, die Ehefrau von Regierungschef Dmitri Medwedew.

"Jede Stunde gibt es elf Neuansteckungen", warnte eine Broschüre der Aktion. Das Gesundheitsministerium in Moskau kündigte an, umgerechnet 600 Millionen US-Dollar für den Kampf gegen HIV ausgeben zu wollen.

Konservative Vorbehalte

Die Hoffnungen vieler Experten auf eine moderne Aufklärung ohne Tabus wurden aber enttäuscht. "Liebe und Treue" seien die besten Mittel zum Schutz gegen Aids, hieß es etwa in einer Broschüre: "Die sicherste Verhütung ist die Ehe zwischen Mann und Frau."

Schon gegen Kondome gebe es erheblichen Widerstand in der Gesellschaft, etwa von der Kirche, sagt Pokrowski. Der Vorwurf sei, dass die Präservativ-Industrie Menschen ermutige, außerehelichen Geschlechtsverkehr zu haben.

Ähnliches schildert die Rylkow-Stiftung. Ihr werde vorgeworfen, durch die Verteilung steriler Spritzen die Abhängigen erst zum Drogenkonsum zu animieren, sagt ein Sprecher.

Mittlerweile gebe es aber in Russland Anzeichen, dass sich das Problem auf andere Bevölkerungsteile ausweite, sagt Pokrowski. "Aids rückt von den Randgruppen in die Mitte der Gesellschaft", meint der Arzt.

Vize-Gesundheitsminister Krajewoj bestätigt dies: "Die Zahl der HIV-Infizierten hat in 22 Gebieten stark zugenommen. Und es betrifft immer weniger Problemregionen und immer mehr Gegenden mit einer entwickelten Industrie und einer entwickelten Infrastruktur."(dpa)

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