Ärzte Zeitung, 20.12.2005

HINTERGRUND

Neues Register deckt auf: Es ist zu früh, sich in Sachen Geschlechtskrankheiten gemütlich zurückzulehnen

Von Philipp Grätzel von Grätz

Für die epidemiologische Erfassung sexuell übertragbarer Erkrankungen (STD) in Deutschland war das Jahr 2000 eine Zeitenwende. Im Dezember jenes Jahres lief die generelle ärztliche Meldepflicht für STD aus. Seit Januar 2001 gibt es nur für Syphilis und HIV-Infektionen eine Meldepflicht für Labore, die "Labormeldepflicht". Das Auftreten anderer Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhoe und Chlamydien-Urethritis wird nicht mehr flächendeckend erfaßt.

Bisher wenige Informationen zu den Infektionswegen

Dr. Viviane Bremer von der Abteilung Infektionsepidemiologie des Robert- Koch-Instituts (RKI) trauert dem alten Meldesystem nicht nach: Es sei zunehmend weniger ernst genommen worden, so daß die Daten, die es lieferte, wenig Aussagekraft gehabt hätten, so Bremer zur "Ärzte Zeitung".

Schlimmer noch, der scheinbare Rückgang bei den STD aufgrund der schwindenden Meldemoral habe zu dem Eindruck beigetragen, daß STD in Deutschland kaum noch ein Problem seien. Den Umstieg auf die Labormeldepflicht für Syphilis und HIV wertet Bremer als deutlichen Fortschritt.

Das neue System hat freilich zwei Haken: Zum einen werden nur HIV- und Syphilis-Infektionen erkannt. Zum anderen liefert eine Labormeldepflicht keine Hinweise auf die Infektionswege. Das RKI schreibt deswegen bei allen vom Labor gemeldeten Infektionen die behandelnden Ärzte an. "Etwa die Hälfte antworten", sagt Bremer, die mit dieser Quote nicht besonders glücklich ist.

Abhilfe schaffen soll das Sentinel-System, das im Jahr 2002 gestartet wurde. 59 Gesundheitsämter, 14 Fachambulanzen und 160 Praxen in 109 Städten sind daran beteiligt. Die Ärzte geben Auskunft über die Zahl der wegen STD behandelten Patienten und dokumentieren jeden Fall in einem Diagnosebogen. Auch der Patient erhält jeweils einen Fragebogen, der auch Rückschlüsse über die Infektionswege erlaubt.

Insgesamt wurden zwischen November 2002 und September 2004 knapp 3500 STD durch das Sentinel-System gemeldet. 22 Prozent davon waren Chlamydien-Infektionen, 16 Prozent Syphilis, 15 Prozent Gonorrhoe und 13 Prozent HIV-Erstdiagnosen. Dazu kommen noch einmal knapp 5000 HPV- und Herpes-genitalis-Infektionen, für die es keine eigenen Fragebögen gibt.

"Das Sentinel-System ist nicht repräsentativ und erlaubt deswegen keine Hochrechnungen auf ganz Deutschland", betonte Bremer. Es zeigt aber doch, daß Geschlechtserkrankungen in Deutschland ein Problem bleiben, und daß dieses Problem, etwa bei der Gonorrhoe oder bei den Chlamydien-Infektionen, deutlich größer ist, als es die letzten Daten aus den Zeiten der Meldepflicht suggerieren. "Die Zahlen, die wir im Sentinel-System ermitteln, sind nur die Spitze der Spitze des Eisbergs", so Bremer.

Die Gonorrhoe zum Beispiel wurde im letzten Meldejahr 2000 insgesamt 1900 mal gemeldet. Im Sentinel-System gibt es etwa 30 Meldungen im Monat. Bei Syphilis und HIV-Infektion, bei denen es sowohl die Labormeldepflicht als auch das Sentinel-System gibt, liegen die Meldedaten aus den Labors etwa zehn- bis fünfzehnmal höher als die Zahlen im Sentinel-System.

Angenommen, daß es bei der Gonorrhoe ähnlich ist, ergibt sich für die Gonorrhoe eine jährliche Inzidenz, die etwa doppelt so hoch liegt wie die Zahl im letzten Jahr der Gonorrhoe-Meldepflicht. Wird zusätzlich berücksichtigt, daß eine erhebliche Dunkelziffer von Patienten ohne Labordiagnose existiert, dann wird klar, daß die tatsächlichen Infektionshäufigkeiten um ein Vielfaches höher liegen müssen, als das alte Meldesystem vermuten ließ.

Interessante Informationen liefert das Sentinel-System zu Infektionswegen und Risikogruppen. Frauen sind demnach fast genauso oft von einer STD betroffen wie Männer. Mit 27 Jahren sind sie im Mittel aber um sieben Jahre jünger. 68 Prozent der betroffenen Frauen, aber nur 27 Prozent der Männer sind nicht-deutscher Herkunft. Knapp 60 Prozent der STD-Infektionen bei Männern betreffen homo- oder bisexuelle Männer.

Fast 64 Prozent der Infektionen bei Frauen betreffen Prostituierte. Jeweils etwa ein Viertel der Befragten geben heterosexuelle Kontakte (außer Prostitution) als wahrscheinlichen Infektionsweg an.

Labormeldepflicht soll erweitert werden

Die Fragebögen zeugen auch vom mangelnden Problembewußtsein bei vielen Betroffenen. Bei Geschlechtskontakten mit anderen als dem festen Partner gibt jeder fünfte an, äußerst selten oder nie Kondome zu benutzen. Nur drei von zehn schützen sich in diesen Situationen immer durch den Gummi.

Hundertprozentig zufrieden ist man beim RKI mit der derzeitigen Situation einer begrenzten STD-Meldepflicht nicht. Unter der neuen Bundesregierung soll jetzt versucht werden, für eine erweiterte Labormeldepflicht zu werben, sagte Bremer der "Ärzte Zeitung".

Die soll dann zumindest auch die Gonorrhoe und die Chlamydien-Infektionen einschließen. Idealerweise soll das Sentinel-System aber zusätzlich beibehalten werden, um an jene Informationen über die Übertragungswege zu kommen, die die Labormeldepflicht nur eingeschränkt liefert.

STICHWORT

Frühsyphilis

Als erstes Zeichen einer Syphilis entwickelt sich - nach einer Inkubationszeit von im Mittel drei Wochen - an der Eintrittsstelle aus einer schnell zerfallenden Papel ein etwa münzgroßes, induriertes, schmerzloses Primärulkus. Meist ist es an den Genitalien oder im Mundbereich lokalisiert. Etwa sechs Wochen nach der Infektion schwellen die regionalen Lymphknoten an. Sie sind dann derb, schmerzlos, beweglich und deutlich voneinander abgrenzbar.

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