Ärzte Zeitung, 16.02.2006

Syphilis kann buchstäblich ins Auge gehen

Treponema pallidum verursacht auch mal eine Optikusneuritis / Jeder zehnte infizierte Patient bekommt rasch Symptome an den Augen

ROSTOCK (sko). Eine Infektion mit Treponema pallidum kann buchstäblich ins Auge gehen. So auch bei einem 52jährigen Patienten, der sich mit einseitiger Sehstörung und einem makulösen Exanthem der Handinnenfläche vorstellte. Wenn die durch Syphilis verursachten Augenveränderungen bekannt sind, kann schnell die richtige Therapie eingeleitet werden.

Die Sehnervenpapille des linken Auges (linkes Bild) ist temporal (links außen) abgeblaßt. Rechtes Bild: Papille des rechten gesunden Auges zum Vergleich. Foto: Gross

"Zehn Prozent der Syphilispatienten haben bereits in der Frühphase der Erkrankung eine Augenbeteiligung", berichtet Professor Gerd Gross von der Universitäts-Hautklinik Rostock ("Der Hautarzt" 12, 2005, 1182).

Der von ihm betreute Patient hatte wegen einer Visusminderung und einer Einschränkung des Gesichtsfeldes im linken Auge zunächst die ophthalmologische Ambulanz aufgesucht. Dort wurde eine Sehnerventzündung, eine diffuse Sehstörung im zentralen Gesichtsfeld sowie eine Störung des Farbsehens am linken Auge diagnostiziert.

Nachdem die Ophthalmologen in der Routinediagnostik ein auffälliges Ergebnis beim CMF-Test (Cardiolipin-Mikroflockungstest) als Hinweis auf eine Lues festgestellt hatten, überwiesen sie den Patienten in die Dermatologie. Dort wurde der Befund wegen der typischen Hautveränderungen und der weiteren Laborergebnisse bestätigt.

Durch eine Syphilis-Therapie mit Benzathin-Penicillin klang das Exanthem ab. Die Sehstörungen verschwanden nach einer Prednisolon-Behandlung (zunächst 1 g Prednisolon täglich über drei Tage). Anschließend wurde die Dosis langsam reduziert.

Für eine Optikusneuritis kommen viele Ursachen in Frage. Multiple Sklerose, Ischämie des Sehnervs oder auch andere Infektionskrankheiten mit Auswirkungen auf die Augen sind möglich.

Solche Infektionen waren auch bei dem vorgestellten Patienten wichtige Differentialdiagnosen, da der Patient es mit mehreren Infektionen zu tun hatte: Zeckenbisse mit anschließender Doxycyclin-Behandlung in der Vorgeschichte, ein Zoster toracicus und rezidivierende Herpes-simplex-Infektionen ließen sich durch die Untersuchung von Blut und Liquor bestätigen.

Da Gross eine Neuroborreliose nicht ausschloß, wurde der Patient auch antibiotisch mit einem Cephalosporin-Derivat behandelt. Eine aktive Herpesneuritis war hingegen sehr unwahrscheinlich, da die typischen Symptome an der Sklera fehlten.

Die frühen Symptome der Syphilis können an allen Abschnitten des Auges auftreten. Besonders im Augenhintergrund können die Erreger fulminante Verläufe mit irreversiblen Schäden zum Beispiel durch Gefäßwucherungen auf Leder- und Netzhaut oder auch eine Netzhautablösung verursachen. Deshalb ist eine frühe Therapie wichtig.

Damit es nicht zu irreversiblen Schäden kommt, sei eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit früher Diagnose und Therapie entscheidend, so Gross. Voraussetzung hierfür ist aber, daß die Kollegen Bescheid wüßten, welche Symptome am Auge möglicherweise in der frühen Phase der Syphilis auftreten.

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