Ärzte Zeitung, 28.07.2006

HINTERGRUND

Lassa-Fieber ist vor allem eine Gefahr bei Reisen nach Westafrika - dort übertragen Ratten die Krankheit

Von Thomas Müller

Sechzehn Tage dauerte es von den ersten Symptomen bis zur Diagnose Lassa-Fieber. In dieser Zeit reiste der infizierte Chirurg aus Sierra-Leone bereits schwer erkrankt von dem westafrikanischen Land in die Elfenbeinküste, von dort nach Belgien und landete schließlich in Deutschland. Und hier dauerte es zehn Tage, bis die Gefahr erkannt und der Mann endlich auf eine Isolierstation gebracht wurde.

Mit Handschuhen, Schutzbrille und Atemfilter bereitet ein Arzt auf der Isolierstation des Uniklinikums in Frankfurt am Main eine Injektion vor. Foto: dpa

Schätzungsweise 500 Personen hatten alleine in Europa mit dem Erkrankten Kontakt, etwa 350, weil sie mit dem Mann im selben Flugzeug saßen - ein Horrorszenario, wäre im Körper des Mannes nicht nur ein hochpathogenes, sondern auch ein hochkontagiöses Virus mitgereist.

Eine Übertragung von Lassa-Fieber im Flugzeug ist aber unwahrscheinlich - nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es keine epidemiologischen Hinweise, daß sich Lassa-Viren per Luft übertragen lassen. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, daß der schwerkranke Mann virushaltige Tröpfchen ausgehustet hat. So müssen sämtliche ermittelte Kontaktpersonen jetzt drei Wochen lang täglich zweimal Fieber messen und auf Krankheitssymptome achten.

In Deutschland starben im Jahr 2000 zwei Personen an Lassa

Der Fall macht wieder einmal deutlich, wie schnell Reisende über den Flugverkehr hochgefährliche Erreger in andere Teile der Welt schleppen können. Der Mann ist jedoch nicht der erste Lassa-Patient in Deutschland. Zuletzt starben Anfang 2000 ein Nigerianer und eine deutsche Kunststudentin an dem hämorrhagischen Fieber - beide hatten sich in Westafrika infiziert, die Studentin während einer Afrika-Reise.

Für Europäer ist Lassa-Fieber daher vor allem eine Gefahr bei Reisen nach Westafrika, denn dort kommt das Virus in Ländern wie Sierra Leone, Guinea und Nigeria endemisch vor. Anstecken können sich Reisende über kontaminierte Lebensmittel - die Erreger werden von infizierten Ratten mit dem Urin und Kot ausgeschieden und können bei schlechten hygienischen Verhältnissen in Nahrungsmittel gelangen. Eine Gefahr sind auch virushaltige Aerosole, die sich aus Rattenexkrementen bilden.

Vor solchen Exkrementen sollte man sich in Westafrika besonders schützen: Der natürliche Wirt, die Vielzitzen-Ratte, gehört dort zu den häufigsten Nagern. Je nach Region scheiden 15 bis 80 Prozent der gesunden Tiere Lassa-Viren aus, somit dürfte eine großer Teil der Ratten-Exkremente die Viren enthalten.

Entsprechend ist eine Lassa-Infektion in Westafrika weit verbreitet: Nach Schätzungen der WHO infizieren sich jedes Jahr zwischen 300 000 und 500 000 Menschen mit dem Virus, etwa 5000 sterben an der Infektion. Die meisten Menschen bemerken die Infektion nicht, nur ein geringer Teil wird schwer krank - dann liegt die Letalität bei 10 bis 20 Prozent.

Offenbar besteht in der Bevölkerung eine Teilimmunität gegen das Virus. Epidemien oder größere Ausbrüche wie bei Ebola- oder Marburg-Fieber sind nicht bekannt. Dokumentiert sind lediglich kleinere Ausbrüche mit bis zu 25 Toten - ein Ausbruch 1969 auf einer Missionsstation in der nigerianischen Stadt Lassa gab der Krankheit ihren Namen.

Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bei solchen Ausbrüchen geschieht hauptsächlich durch direkten Kontakt mit Blut, Urin, Faeces und andere Körpersekreten von Kranken. Gefährdet sind deshalb vor allem Ärzte und Pflegepersonal in Krankenhäusern sowie pflegende Angehörige.

Bei dem nach Deutschland gereisten Lassa-kranken Afrikaner handelt es sich um einen Chirurgen, der in Sierra Leone Patienten behandelte und sich dabei möglicherweise infiziert hat. Um Infektionen beim Pflegepersonal in Deutschland zu vermeiden, wird der kranke Chirurg im Frankfurter Uniklinikum auf einer Isolierstation behandelt - in einem Raum mit eigenem Belüftungssystem, versorgt von einem knapp 30köpfigen Team, das den Patienten eingehüllt in speziellen Schutzanzügen rund um die Uhr überwacht.

Lassa-Viren können manchmal auch nur das Gehirn befallen

Auf eine solche Isolierstation hätte der Patient eigentlich schon viel früher kommen müssen, jedoch war weder den Ärzten in Sierra Leone noch den deutschen Ärzten zunächst klar, daß der Mann mit Lassa-Viren infiziert ist. Lassa zählt zwar zu den hämorrhagischen Fiebern mit Blutungen in Konjunktiven, aus Nase, Gaumen, Magen-Darm und im Urogenitaltrakt, solche Blutungen können aber fehlen - der erkrankte Afrikaner hatte vor allem hohes Fieber und neurologische Ausfälle wie Gedächtnis- und Orientierungsverlust (wir berichteten).

Dokumentiert sind sogar Verläufe, bei denen nur das zentrale Nervensystem und keine weiteren Organe betroffen waren, sagte Professor René Gottschalk vom Stadtgesundheitsamt Frankfurt/Main auf einer Veranstaltung der Uniklinik Frankfurt.

Immerhin: Mit Antikörper-Tests und Nachweis der Viren-RNA konnten deutsche Ärzte das Lassa-Fieber bei dem Patienten schließlich eindeutig diagnostizieren.

STICHWORT

Lassa-Fieber

Vorkommen: Endemisch in Westafrika, vor allem in Sierra Leone, Guinea, Liberia und Nigeria.

Erreger: Ein Arena-Virus mit einzelsträngiger RNA.

Natürlicher Wirt: Vielzitzen-Ratte (Mastomys natalensis).

Übertragung: Durch Nager-Exkremente von Tier auf Mensch, über Blut, Exkremente und Körpersekrete von Mensch zu Mensch.

Inkubationszeit: 6 bis 21 Tage, meist 7 bis 10 Tage.

Verlauf: Sehr variabel, oft initial hochschmerzhafte Pharyngitis, Husten, retrosternale Schmerzen, schnelle Zustandsverschlechterung mit Hämorrhagien, Ödemen, Krämpfen durch Enzephalopathie, Anurie, Koma. Tod oft durch hypovolämischen Schock.

Letalität: 10 bis 20 Prozent der hospitalisierten Patienten.

Therapie: Hochdosiertes Ribavirin, wirkt oft nur bei Therapiebeginn in der ersten Krankheitswoche.

Prophylaxe: Hygiene, bisher keine Impfung möglich. (mut)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBV drücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Auch mit Kind zügig möglich"

Eine Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »