Ärzte Zeitung, 15.11.2006

Früh zur richtigen Therapie durch Schnelltests in der Praxis

Bei der Point-of-Care-Diagnostik sparen Ärzte viel Zeit und behalten den Überblick / Sofortdiagnostik kommt mit kleinen Flüssigkeitsmengen aus

DÜSSELDORF. Es wird wieder kalt draußen. Und wie in jedem Herbst erkranken jetzt viele Menschen an einer Mandelentzündung. Wenn eine solche Angina durch Bakterien ausgelöst wird dann müssen die Kranken möglichst bald ein Antibiotikum einnehmen. Ob es wirklich Bakterien sind, kann ein Schnelltest klären.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Schnelltest auf Blasenkarzinom. Mit dem NMP22® BladderChek(TM)-Test wird ein Blasenkarzinom-assoziiertes Protein nachgewiesen. Foto: Matritech

Denn bis von einem Labor die Rückmeldung kommt, ob wirklich eine Infektion mit Streptokokken vorliegt, vergehen Stunden oder sogar Tage. In dieser Zeit schreitet die Krankheit bei den Patienten jedoch fort. Wird dann, sobald die Laborergebnisse da sind, mit einem Antibiotikum behandelt, hinkt die Therapie manchmal hinterher.

Das kann in Zukunft anders werden: Immer mehr Laborwerte können heute sofort in der Praxis bestimmt werden. Auch für den Nachweis von Streptokokken ist es heute nicht mehr nötig, Proben ins Labor zu schicken.

Diese rasche Diagnostik direkt am Ort, wo sich der Patient befindet, bezeichnen Experten als Point-of-Care-Diagnostik. "Point of care" bedeutet direkt übersetzt "Stelle der Kranken-Versorgung". Gemeint ist damit die Arzt-Praxis oder das Krankenbett in der Klinik oder zuhause.

Workshop zu Sofortdiagnostik heute auf der Medica

Auf der Medica 2006 ist die patientennahe Sofortdiagnostik, wie das Point-of-Care-Testing (POCT) im Deutschen auch bezeichnet wird, ein wichtiges Thema. Nicht nur stellen Unternehmen die neuesten Schnelltest-Verfahren und -Geräte vor, auch der messebegleitende Kongreß widmet dem Thema heute einen eigenen Workshop. Der Workshop steht unter Leitung von Mitgliedern der Arbeitsgruppe POCT der Deutschen Vereinten Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin.

Auch für Patienten in der Notfall- und Intensivmedizin kann durch Point-of-care-Diagnostik viel Zeit gewonnen werden. Das bedeutet: Lebensrettende Maßnahmen können mitunter früh genug eingeleitet und dadurch schwere Komplikationen verhindert werden.

Vorteile für schnelle Diagnose in Notfall- und Intensivmedizin

Hier macht es eindeutig einen Unterschied, ob das Ergebnis nach dreißig bis sechzig Minuten oder nach einer Minute bis maximal 15 Minuten vorliegt, sagen die Experten der POCT-Arbeitsgruppe.

Doch das Spektrum der Point-of-care-Diagnostik geht weit über das Spezialgebiet der Rettungsmedizin hinaus: Den Alltag auf einer Neugeborenenstation zum Beispiel können sich viele Neonatanologen kaum mehr vorstellen.

Bei den Frühgeborenen hat das POCT zusätzlich zum Zeitgewinn den Vorteil, daß die modernen POCT-Geräte mit winzigen Probenmengen auskommen. Oft reichen bereits einige tausendstel Milliliter aus. Selbst für eine umfangreiche Diagnostik, bei der etwa die Elektrolyte, der Blutzucker, die Sauerstoff-Sättigung und die Blutgase parallel gemessen werden, ist ein zwanzigstel Milliliter Vollblut vollkommen ausreichend. Auch für den Streptokokken-Nachweis bei einer Angina reichen einige Tropfen Rachen- oder Nasensekret.

Die POCT-Experten sehen noch einen weiteren Vorteil in der Sofortdiagnostik direkt am Patienten: Der Arzt, der die Point-of-care-Messung veranlaßt hat, kann dann auch gleich die therapeutischen Konsequenzen ziehen. So können Situationen vermieden werden, in denen Ärzte die Bestimmung wichtiger Laborwerte veranlassen, dann aber nach Schichtende vergessen, ihre Kollegen über ausstehende Ergebnisse und den Kontext der Bestimmung zu informieren. Therapie-Entscheidungen fallen so manchmal unter den Tisch. Durch POCT können die Entscheidungen sofort getroffen werden.

Sofortergebnis erleichtert die Arbeit der Kollegen

Auch wenn Ärzte viele Patienten gleichzeitig betreuen, wie etwa in einer Notaufnahme, hilft es, wenn Therapie-Entscheidungen sofort getroffen werden können. Denn wenn die Werte erst nach einer Stunde aus dem Zentrallabor kommen, hat der Arzt schon zehn neue Patienten untersucht und muß sich in die Problematik erst wieder hineindenken.

POCT setzt sich in Deutschland bisher nur langsam durch

Doch trotz aller Vorteile: Anders als im Ausland setzt sich die Point-of-care-Diagnostik in Deutschland nur zögerlich und gegen Widerstände durch. Als eine mögliche Erklärung geben die POCT-Experten an, daß viele Laborärzte den Eindruck haben, durch POCT werde ihnen etwas weggenommen. Umgekehrt seien die Anwender oft unzureichend in den POCT-Verfahren geschult, hat eine Umfrage bei 2300 Labormedizinern und Chefärzten der Anästhesie und Intensivmedizin ergeben.

Wenn POCT verstärkt Einzug in Deutschlands Kliniken finden soll, müßten vor allem die Krankenhausverwaltungen aktiv werden, so die POCT-Spezialisten. Denn im Zeitalter der Fallpauschalen könne POCT für eine Klinik zum Wettbewerbsvorteil werden, weil die Zeit bis zur definitiven Diagnose verkürzt wird. Und damit sinken auch die Gesamt-Liegezeiten.

STICHWORT

Point-of-Care-Testing (POCT)

Point-of-Care-Testing kann mit patientennaher Sofortdiagnostik übersetzt werden. Das heißt, es wird dabei keine diagnostische Untersuchung in einem Zentrallabor gemacht, sondern in der Arztpraxis oder auf einer Klinikstation, aber auch bei Hausbesuchen oder während eines Krankentransports. Ebenfalls zum Point-of-Care-Testing zählen Blutzuckermessung durch Diabetiker oder Schwangerschaftstest.

Vorteile des Verfahrens sind eine einfache Handhabung, ein geringer Zeitaufwand und ein schnelles Ergebnis: Meist dauert der Test nur wenige Minuten. So können etwa in der Notfallmedizin lebensrettende Sofortmaßnahmen schneller eingeleitet werden. Erreger wie Influenza-Viren oder Streptokokken lassen sich vor Ort aufspüren - der Arzt kann dann über die richtige Therapie entscheiden. (eb) 

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