Ärzte Zeitung, 13.09.2007

HINTERGRUND

Der Klimawandel bringt neue Insekten nach Europa, aber nicht zwangsläufig auch neue Epidemien

Von Philipp Grätzel von Grätz

Am Thema Erderwärmung kommt niemand vorbei. Sogar die Bundeskanzlerin machte sich kürzlich auf nach Grönland, um sich vor Ort vom Abschmelzen des Eises zu überzeugen. Doch was bedeutet der Anstieg der Durchschnittstemperatur für die Ausbreitung von Infektionskrankheiten? Drohen wirklich neue Malaria-Epidemien in Mitteleuropa, wie bisweilen schon gemutmaßt wird?

Die Culex-Mücke - Überträger des West-Nil-Virus - breitet sich zunehmend auch in Europa aus. Foto: dpa

Ganz so einfach ist die Sache wohl nicht. Unzweifelhaft führt ein Anstieg der Durchschnittstemperatur dazu, dass Krankheitsüberträger, die bei uns bisher nicht oder kaum vorkamen, häufiger werden. Das lässt sich auch beobachten: "Wir verzeichnen bereits jetzt Veränderungen im Insektenbestand, die auf das Klima zurückzuführen sein dürften", sagte Dr. Bettina Temmesfeld von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie der Charité Berlin. "Gottesanbeterinnen in der Nähe von Berlin beispielsweise sind ein neues Phänomen". Auch Feuerlibellen und einige Falterarten aus wärmeren Gefilden breiten sich derzeit in Deutschland aus.

Zwischenwirte des West-Nil-Virus - besonders Krähen - sind schon lange bei uns heimisch. Foto: dpa

Chikungunya-Erkrankungen gab es schon in Norditalien

Ein potenziell medizinisch relevantes Insekt ist Aedes albopictus, die Tigermücke. Sie war ursprünglich in Südostasien und Ostafrika beheimatet, wurde mittlerweile aber auch schon in Italien, Frankreich und Spanien beobachtet. Die Tigermücke überträgt unter anderem das Dengue-Fieber und die Chikungunya-Erkrankung. Erst kürzlich erkrankten über 100 Menschen in Norditalien an Chikungunya.

Auch das durch Lederzecken übertragene Crim-Congo-Hämorrhagische Fieber (CCHF) ist eine jener Erkrankungen, die der Klimawandel nach Mitteleuropa bringen könnte. "Größere Ausbrüche gab es zuletzt 2001 im Kosovo und 2006 in Anatolien", so Temmesfeld auf dem Charité Fortbildungsforum - Deutscher Ärztekongress in Berlin. Das CCHF tritt nur in wärmeren Gebieten auf, südlich einer Linie, die zurzeit durch die nördliche Mittelmeerregion führt. Diese Linie dürfte sich verschieben: "Wettermodelle gehen derzeit davon aus, dass Berlin künftig ein Klima wie Venedig haben könnte", so Temmesfeld. Zumindest Süddeutschland hätte dann ein Klima, welches CCHF-Ausbrüche denkbar macht.

Allerdings: Es ist nicht alleine die Temperatur entscheidend, welche Infektionskrankheiten sich in einem Land ausbreiten und welche nicht. Das beste Beispiel dafür, dass die Zusammenhänge komplexer sind, liefert die Malaria. "Trotz eines Temperaturanstiegs von etwa einem Grad Celsius in Mitteleuropa seit 1900 ist die Malaria Mitte des 20. Jahrhunderts verschwunden", betonte Dr. Thomas Zoller, ebenfalls Charité Berlin. Der Grund: Durch die Trockenlegung von Sümpfen, die Begradigung von Flüssen und allgemein durch bessere hygienische Verhältnisse wurden die Bedingungen für die Mücken schwieriger. Die kritische Menge an infizierten Menschen für eine Malaria-Ausbreitung wurde so nicht mehr erreicht. Die Malaria ging zurück, obwohl Mücken, die als Überträger infrage kommen, prinzipiell vorhanden waren.

Trotzdem könnten Malaria-Ausbrüche in Deutschland in Zukunft häufiger werden: Wenn in den Sommermonaten die klimatischen Bedingungen für eine Malaria-Übertragung prinzipiell gegeben sind, können Patienten mit eingeschleppter Malaria regionale Ausbrüche auslösen. Das kam in den vergangenen Jahren mitunter vor. Wenn die Durchschnittstemperatur steigt, werden solche Ausbrüche begünstigt.

Das betrifft vor allem das Plasmodium vivax, den Erreger der Malaria tertiana: "Bei einem Anstieg der Tagesdurchschnittstemperatur von 20 auf 25 Grad verringert sich die Zeit bis zur Sporozytenreifung in der Mücke von 18 auf 10 Tage", so Zoller. Damit bleibt einer Mücke wie Anopheles - sie hat eine Lebensdauer von 25 Tagen -, die etwa einen Malaria-infizierten Touristen sticht, mehr Zeit, den Erreger weiter zu geben. Der leitende Charité-Infektiologe Professor Norbert Suttorp warnt aber vor Panik: "Solange wir ein funktionierendes Gesundheitswesen haben, wird es in Deutschland keine Malaria-Epidemien geben."

Auch das West-Nil-Fieber könnte bei steigenden Temperaturen begünstigt werden. Es wird durch Culex- und Anopheles-Mücken übertragen, die auch in Mitteleuropa überall vorkommen. Zwischenwirt sind Vögel, besonders Krähen. "Nötig für eine Ausbreitung sind Tagesdurchschnittstemperaturen von über 22 Grad über mindestens zwölf Tage", sagte Dr. Hortense Slevogt von der Charité. Normale Sommermonate in Mitteleuropa erreichen das bisher nicht. Die vier Wochen der Fußball-WM im Jahr 2006 allerdings hätten dieses Kriterium erfüllt.

Doch auch hier gilt: Es gibt noch andere Faktoren, die mit hineinspielen. So haben in Europa etwa zwanzig Prozent der Zugvögel Antikörper gegen WNV. Das ist in den USA, wo sich WNV rasant ausbreitet, nicht der Fall. Auch ist unklar, ob die hiesigen Krähen überhaupt Virustiter aufbauen können, die hoch genug für eine Übertragung sind.

Lücken in Datenlage werden nur langsam geschlossen

"Das Problem bei der ganzen Thematik ist, dass die Datenlage hinsichtlich Verbreitung von Mücken, Artenspektrum und Eignung als Erregerreservoir bisher sehr limitiert ist", betonte Temmesfeld. Nur langsam werden diese Lücken behoben. So gibt es Hinweise, dass die Ausbreitung der FSME nach Norden mit der Ausbreitung der Schildzecken korreliert. Das kann damit zusammenhängen, dass die Reservoire der Schildzecken - Nagetiere - in den zunehmend warmen Wintern bessere Überlebenschancen haben als früher. In einem Forschungsprojekt schaut sich das Umweltbundesamt diesen Zusammenhang gerade genauer an.

FAZIT

Ein wärmeres Klima ist eine Voraussetzung dafür, dass sich die Überträger von Tropenkrankheiten auch bei uns ausbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass sich zwangläufig auch die Erreger der Erkrankungen ausbreiten. Dazu müssen sie erst einmal eingeschleppt werden und die Chance haben, ausreichend Personen zu infizieren. Einzelne Ausbrüche sind noch lange keine Endemie. (hub)

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