Ärzte Zeitung, 02.04.2008

Antibiotika-Resistenz nimmt stark zu

Betalaktamasen der Keime machen sie resistent gegen Penicilline und Cephalosporine / Neue Mittel in Sicht

WIESBADEN (ner). Ein dramatisches Bild zur Resistenzentwicklung gegen Antibiotika in Deutschland hat der Pneumologe Professor Tobias Welte aus Hannover gezeichnet. Dies betreffe vor allem die wichtigsten Erreger pulmonaler Infektionen, und zwar nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch im ambulanten Bereich.

 Antibiotika-Resistenz nimmt stark zu

Staphylococcus aureus: Der linke Partikel löst sich nach Antibiotika-Zugabe auf. Zunehmend werden Antibiotika-resistente Staphylokokken isoliert.

Foto: Archiv

Die Prävalenz von Methicillin-resistenten Staphylokokken (MRSA) betrage in deutschen Krankenhäusern inzwischen 25 Prozent, sagte Welte beim Internisten-Kongress in Wiesbaden. Eine besondere Variante, die CA (community acquired - ambulant erworbene)-MRSA breite sich rasch aus und zeichne sich durch noch stärkere Pathogenität aus mit schweren Haut- und Weichteilinfektionen sowie nekrotischen Pneumonien. Im Raum Freiburg habe es bereits einen Ausbruch mit Todesfällen gegeben, sagte Welte bei einem von dem Unternehmen Janssen-Cilag unterstützten Symposium in Wiesbaden. Besonders gefährdet seien Beschäftigte in der Tiermedizin, höchstwahrscheinlich wegen des unkritischen Umgangs mit Antibiotika.

Bei den Enterobacteriacae wie E. coli und Klebsiella pneumoniae finden sich immer häufiger Stämme, die Breitsprektrum-Betalaktamasen (ESBL - extended spectrum betalactamases) bilden und deshalb gegen Penicilline und Cephalosporine resistent sind. Diese Patienten mit Urogenital-Infektionen, jetzt aber auch gehäuft mit Lungen-Infektionen, können nur noch mit Carbapenemen behandelt werden.

Jedoch sind bereits ESBL-E.coli aufgetreten, die Carbapenemasen bilden können und auch diese Antibiotika unwirksam machen - ein Umstand, der selbst Experten erschrocken hat, wie Welte sagte. So gab es im Jahre 2006 einen Ausbruch dieser Keime an acht New Yorker Krankenhäusern. Nur drei Wochen später war derselbe Stamm in Paris aufgetaucht, elf französische Krankenhäuser waren von dem Ausbruch betroffen. In solchen Situationen bleibe nur noch die Therapie mit Fluorchinolonen. Aber auch mit diesen Substanzen gebe es bereits Probleme, betonte Welte. In Deutschland ist ein Anstieg der Fluorchinolon-Resistenz bei Enterobacteriacae auf etwa 30 Prozent zu verzeichnen, ein Plateau für diesen Resistenzanstieg ist offenbar noch nicht erreicht.

Allerdings gibt es auch gute Nachrichten. So werden in nächster Zeit eine ganze Reihe neuer Antibiotika-Zulassungen erwartet. Im Zulassungsverfahren befindet sich beispielsweise Ceftobiprol, ein Cephalosporin mit sehr breitem Wirkspektrum von den klassischen gramnegativen Keimen einschließlich Pseudomonas bis hin zu MRSA. Das Präparat ist nach Weltes Angaben mindestens so effektiv wie Vancomycin. In Kürze werden Ergebnisse einer Studie in der Hauptindikation Pneumonie erwartet.

Doripenem ist ein neues Carbapenem und vom Wirkspektrum und von der Pharmakodynamik her mit Meropenem vergleichbar, aber deutlich stärker gegen Pseudomonas aeruginosa wirksam. Indikationsgebiete werden vor allem komplizierte Urogenital-Infektionen und intraabdominelle Infektionen sein sowie nosokomiale und beatmungsassoziierte Pneumonien.

Welte forderte eine verstärktes Problembewusstsein für den Umgang mit Antibiotika. Deren Bedeutung werde nach wie vor im Studium wie in der klinischen Ausbildung zu wenig berücksichtigt. An der Medizinischen Hochschule Hannover wird nach seinen Angaben derzeit ein Antibiotika-Führerschein eingeführt, wofür jeder Assistenzarzt in regelmäßigen Abständen eine Fortbildung besuchen muss. Ziel sei es, gezielter mit den Substanzen umzugehen.

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