Ärzte Zeitung, 03.04.2008

HINTERGRUND

Die Weltkarte der Malaria verändert sich - Ärzte müssen sich auf dem Laufenden halten

Von Wolfgang Geissel

Wer Reisende über Malaria berät, braucht aktuelle Informationen. Je nach Jahreszeit können Risiken in einer bestimmten Region ganz unterschiedlich sein. Und in Malaria-freien Gebieten in den Tropen kann die Krankheit plötzlich auftauchen. So beschert das Wetter-Phänomen "El Niño" der Westküste Südamerikas nicht nur viel Regen. In El-Niño-Jahren steigt dort die Malaria-Inzidenz um 36 Prozent, wie Dr. Klaus-Jörg Volkmer vom Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf berichtet hat.

Erstmals taucht Malaria im Hochland Kenias auf

 Die Weltkarte der Malaria verändert sich - Ärzte müssen sich auf dem Laufenden halten

Wie hoch ist das Malaria-Risiko im Reiseland? Das hängt meist von Regionen und Jahreszeiten ab. Wetteranomalien können das Risiko erhöhen.

Foto: AOK-Mediendienst

Im Urlaubsland Dominikanische Republik gibt es seit zwei Jahren vereinzelt wieder Malaria. So wurden vergangenen Winter vier Infekte bei Touristen registriert (im Vergleich zu 2,5 Millionen Touristen jährlich!). Begünstigt wird Malaria dort durch Starkregen bei Hurrikans in der Karibik, wodurch Überträgermücken gute Brutbedingungen in Pfützen und Tümpeln vorfinden. Die Erreger selbst werden von Haitianern eingeschleppt, die aus dem Nachbarland der Insel als billige Arbeitskräfte in die Ferienregion strömen.

Und in Kenia haben im Sommer 2007 ungewöhnlich starke Regenfälle in Verbindung mit hohen Temperaturen zu Hochland-Malaria geführt. Der Lehrsatz, dass Malaria in Höhen über 1800 Metern nicht auftritt, wurde dabei widerlegt. Betroffen ist die ansässige Bevölkerung, die anders als Menschen aus Endemiegebieten keine Semi-Immunität gegen Malaria hat. Schwere Verläufe und Todesfälle bei ihnen sind die Folge.

Wenn Menschen in Malaria-Endemiegebiete reisen, sind ihnen zwei Dinge immer zu raten, hat Volkmer beim 9. Forum Reisen und Gesundheit in Berlin betont:

  • Wichtig ist Mückenschutz, der das Übertragungsrisiko um 90 Prozent verringern kann.
  • Bei Symptomen wie Fieber, schwerem Krankheitsgefühl, Kopf- und Gliederschmerzen oder Schüttelfrost ist immer auch Malaria abzuklären.

Ob Reisenden zu einer Chemoprophylaxe geraten werden sollte, hängt vom Infektionsrisiko ab. Volkmer verdeutlicht das an zwei Beispielen. So tragen im Regenwald von Tansania etwa 10 Prozent aller Anopheles-Mücken die Malaria-Erreger. In einer Nacht mit 30 Mückenstichen sind daher 3 infektiöse Stiche zu erwarten. Selbst bei optimalem Mückenschutz (90 Prozent Risikoreduktion) sei immer noch alle drei Nächte mit einem infektiösen Stich zu rechnen. Im tropischen Afrika südlich der Sahara wird daher immer eine Chemoprophylaxe empfohlen.

Anders in Nordthailand. Hier sei das Infektionsrisiko im Vergleich zu Ostafrika 1000-fach geringer. Zu erwarten seien 0,003 infektiöse Stiche pro Nacht, das heißt mit Mückenschutz etwa ein infektiöser Stich alle zehn Jahre. In Thailand wird daher nur die Mitnahme einer Notfallmedikation empfohlen (Ausnahme: die Grenzprovinzen zu Myanmar und Kambodscha).

Anhand des Infektionsrisikos hat die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG) weltweit vier Kategorien von Risikogebieten für Malaria zusammengestellt:

  • Immer wird eine Chemo- prophylaxe empfohlen im tropischen Afrika südlich der Sahara, Timor-Leste, Papua-Neuguinea, Salomonen, Teilen von Guyana, Suriname und Französisch-Guyana.
  • Nur saisonal wird eine Chemoprophylaxe empfohlen in Teilen von Ländern des südlichen Afrikas (Republik Südafrika, Botswana, Namibia, Swasiland) und in Mauretanien.
  • Nur bei Aufenthalten über sieben Tage und länger wird eine Chemoprophylaxe empfohlen in Teilen von Brasilien (Amazonas), Indien (Nordosten), Indonesien (Osten), Thailand (Grenzprovinzen) sowie Kambodscha und Myanmar.
  • In allen anderen Malaria-Gebieten oder in Gebieten außerhalb der Malaria-Saison wird nur eventuell die Mitnahme einer Notfallmedikation empfohlen.
  • Empfehlungen sind je nach Reisestil zu modifizieren

    "Geringes Malaria-Risiko heißt jedoch nicht Null-Risiko", betont Volkmer. Und auch in bisher Malaria-freien Regionen in den Tropen müsse bei Fieber und anderen Symptomen immer auch an Malaria gedacht werden. Je nach Reisedauer, Unterkunft (mückendicht?), Außenaktivitäten und persönlichem Risiko für Komplikationen seien Abweichungen vom DTG-Schema nötig. So rät die DTG zum Beispiel allen Kindern unter 5 Jahren und vor allem auch Schwangeren, Malariagebiete generell zu meiden.

    Geändert hat die DTG ihre Empfehlungen für Langzeitaufenthalte in Endemiegebieten, etwa im tropischen Afrika südlich der Sahara. Nach Studiendaten erkranken dort 2 von 100 Reisenden pro Monat. Allerdings treten die Infekte gehäuft in der Regenzeit von Juni bis Oktober auf. Die DTG hält es daher für vertretbar, als Mindestvorsorge die Chemoprophylaxe auf die ersten drei Monate sowie die Hauptübertragungszeit zu beschränken.

    Viele Infos zu Malaria wie Verbreitungskarten und eine Checkliste zur Beratung gibt es unter www.dtg.org

    STICHWORT

     Die Weltkarte der Malaria verändert sich - Ärzte müssen sich auf dem Laufenden halten

    Malaria-Medikamente

    Zur Chemoprophylaxe von Malaria werden je nach Region empfohlen: Mefloquin (Lariam®), die Kombination aus Atovaquon und Proguanil (Malarone®) oder Doxycyclin.

    Zur Stand-by-Therapie eignen sich Mefloquin (außer in Regionen mit Mefloquin-Resistenzen), Atovaquon/Proguanil oder auch die Kombination Arthemeter und Lumefantrin (Riamet®). Das frühere Standardmittel Chloroquin ist nur noch in Zentralamerika (außer Panama) zur Stand-by-Therapie sinnvoll. (eis)

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