Ärzte Zeitung online, 22.01.2009

Sensor auf Zellen alarmiert bei Erbgut-Invasion die Immunabwehr

BONN (eb). Viren und Bakterien hinterlassen im Körper oft auffällige Spuren. So kann bei einer Infektion Erreger-DNA frei werden, die die körpereigene Abwehr stimuliert. Dazu verfügt jede Körperzelle im Zellplasma über eine Art DNA-Sensor, der bei fremdem Erbgut Alarm schlägt. Wie dieser Sensor genau aussieht, haben Forscher der Universitäten Bonn und Massachusetts jetzt entschlüsselt.

Jeder Krimi-Leser kennt das: Manchmal hat man die Lösung genau vor der Nase, ohne es zu wissen. In diesem Fall war es genauso: Das Molekül, das sich schließlich als DNA-Sensor entpuppte, war nämlich schon länger bekannt. Es fristete bislang aber ein weitgehend unbeachtetes Dasein - vor allem deshalb, weil niemand seine Funktion kannte.

Die Rede ist von einem Protein namens AIM2. Entdeckt wurde es vor gut 10 Jahren - und zwar paradoxer Weise deshalb, weil es in manchen Zellen fehlt: So verfügen bestimmte Hautkrebszellen über kein AIM2. Daher stammt auch der Name: Absent In Melanoma, also "abwesend in Hautkrebszellen". "Die meisten anderen Körperzellen bilden jedoch AIM2", so Professor Veit Hornung in einer Mitteilung der Universität Bonn.

"Allerdings wusste niemand, zu welchem Zweck." Bislang zumindest. Denn der Bonner Immunologe konnte jetzt zusammen mit US-Kollegen nachweisen, dass es sich bei AIM2 um den lange gesuchten Erbgut-Sensor handelt (Nature Immunology online vorab).

Die zelleigene DNA schwimmt nicht einfach frei in der Zelle herum, sondern ist im Zellkern verpackt. "Freie DNA im Zytoplasma der Zelle stammt meist von Krankheitserregern, also beispielsweise Bakterien oder Viren", so Hornung. "Alternativ kann bei bestimmten Krankheitsprozessen auch körpereigene DNA freigesetzt werden."

Wenn AIM2 auf einen derartigen freien DNA-Faden stößt, dockt es daran an und setzt dann eine komplizierte Signalkette in Gang. An ihrem Ende steht die Freisetzung so genannter Zytokine. Diese alarmieren die körpereigenen Abwehrtruppen. Folge ist eine Entzündungsreaktion, die den Erregern das Leben schwer machen soll. Der DNA-Sensor ist Teil des so genannten angeborenen Immunsystems, das bereits sehr früh im Laufe der Evolution entstanden ist.

Dass DNA starke Entzündungsreaktionen auslöst, nutzte unbewusst übrigens bereits Edward Jenner, der Urvater der Impfung, um das Immunsystem zu Höchstleistungen anzuspornen. "Je mehr wir in diesem Zusammenhang über die DNA-Erkennung wissen, umso besser", betont Hornung.

Die Ergebnisse der Studie lassen aber auch auf ein besseres Verständnis von Autoimmunkrankheiten hoffen. Dazu zählt etwa Lupus erythematodes. Bei diesem Leiden zerstören die Abwehrzellen das körpereigene Bindegewebe. Hornung: "Es wäre möglich, dass Lupus aufgrund einer fehlgesteuerten Aktivierung von AIM2 durch eigene Erbgut-Moleküle ausgelöst werden kann."

Abstract der Studie "An orthogonal proteomic-genomic screen identifies AIM2 as a cytoplasmic DNA sensor for the inflammasome"

Topics
Schlagworte
Infektionen (13838)
Panorama (30167)
Organisationen
Uni Bonn (478)
Krankheiten
Rheuma (1689)
Personen
Edward Jenner (7)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »