Ärzte Zeitung, 14.07.2009

Resistenzen gegen Vancomycin und Beta-Laktame nehmen in Kliniken zu

Zwar verursachen MRSA noch immer mit Abstand die meisten nosokomialen Infekte in Kliniken, doch zunehmend werden auch Erreger beobachtet, die gegen Reserve-Antibiotika resistent sind.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Welcher Keim macht hier Ärger? Aufschluss gibt die Bakterienkultur.

Foto: Emeraldphoto©www.fotolia.de

Bei den methicillinresistenten Staphylokokken (MRSA) ist in den vergangenen Jahren eine Stabilisierung zu beobachten. Andere resistente Keime wie die vancomycinresistenten Enterokokken (VRE) und die Extended Spectrum Beta-Lactamase-bildenden Keime (ESBL) legen auf allerdings deutlich niedrigerem Niveau zum Teil stark zu. Zudem gibt es in Deutschland ganz erhebliche regionale Unterschiede bei der Häufigkeit von Resistenzen, und die Verteilung ist bei den verschiedenen Keimen zum Teil komplett gegenläufig, haben Experten bei einem Fortbildungsforum der Bundesärztekammer in Berlin berichtet.

Dr. Christine Geffers vom Hygieneinstitut der Charité Berlin betonte, dass die in der Regel zitierte "MRSA-Quote", also der Anteil der MRSA an allen S.-aureus-Isolaten, seit etwa 2005 nicht mehr ansteige. Im Jahr 2007 lag die Quote für Blutkulturen nach Daten des Registers EARSS bei 16 Prozent. 2005 und 2006 waren es 21 beziehungsweise 20 Prozent. Ähnlich bei postoperativen Wundabstrichen: Hier lag die deutschlandweite Quote nach Daten des KISS-Verbundes 2007 bei 20,7 Prozent, im Jahr davor bei 21,9 Prozent. Hier ist also eine Stabilisierung zu beobachten.

Interessant aus Klinik- und Patientensicht sind aber nicht so sehr diese Quoten, sondern die tatsächlich durch resistente Keime verursachten Infektionen. Hier gibt es sogar einen rückläufigen Trend - zumindest in jenen Kliniken, deren Intensivstationen an MRSA-Surveillance-Projekten teilnehmen. Die Inzidenzdichte lag auf deutschen Intensivstationen nach Angaben von Geffers im Jahr 2007 bei 0,3 nosokomialen MRSA-bedingten Infektionen pro 1000 Patiententage. Zehn Jahre früher waren es noch 0,45.

Insgesamt geht Geffers derzeit von 20 000 nosokomialen MRSA-Infektionen pro Jahr deutschlandweit aus. Gut die Hälfte der Nachweise sind postoperative Wundinfektionen. 2200 MRSA-Infektionen ereignen sich auf Intensivstationen und 6500 auf peripheren Stationen.

Spannend ist der Blick auf die regionale Verteilung der MRSA-Problematik: "Der Osten und der Süden sind hier deutlich stärker betroffen als der Norden und der Westen", so Geffers. Während im Norden (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, MVP, SH) die Inzidenzdichte auf Intensivstationen inklusive nicht-infektiöser MRSA-Besiedlungen und inklusive bereits mitgebrachter MRSA bei 3,14 pro 1000 Patiententage liegt, ist sie im Südosten (Bayern, Hessen) mit 6,65 doppelt so hoch und im Osten (Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen) mit 5,33 immer noch stark überdurchschnittlich.

Liegt das nun daran, dass im Osten und Südosten der Republik die Hygiene weniger ernst genommen wird? Eher nicht, wie Geffers betonte. Denn bei den VRE ist die Verteilung fast gegenläufig: Hier sind der Südwesten und Nordrhein-Westfalen mit Inzidenzdichten (inklusive Besiedlungen) von 0,59 beziehungsweise 0,26 besonders betroffen. Bayern und Hessen liegen bei 0,17, der Osten gar nur bei 0,08. Bei den ESBL wiederum ist der Osten Deutschlands Problemzone Nummer eins: Mit einer Inzidenzdichte von 0,97 liegt er weit vor Bayern und Hessen (0,43) beziehungsweise NRW (0,53).

Überhaupt sind VRE und ESBL-bildende Keime derzeit viel stärker als MRSA die Sorgenkinder der Krankenhaushygieniker. Zwar war in Deutschland 2007 im Mittel nur einer von 476 Intensivpatienten ein ESBL-Patient und nur einer von 1111 Patienten ein VRE-Patient. Bei MRSA ist es einer von 68. Doch der Trend bei VRE und ESBL ist wesentlich ungünstiger. So hat sich der Anteil von VRE-Isolaten an allen Enterococcus faecium-Isolaten in Deutschland von 2006 nach 2007 auf 15 Prozent verdoppelt. Und bei ESBL-bildenden Keimen ist der Anstieg noch stärker. "Vor allem ESBL-bildenden E. coli verbreiten sich derzeit stark. Das müssen wir unbedingt im Auge behalten", so Geffers.

Datenbanken zu resistenten Keimen

Wer sich von der bakteriologischen Resistenzsituation in Deutschland ein Bild machen möchte, muss auf eine ganze Reihe von unterschiedlichen Datenquellen zurückgreifen. Hilfreich sind etwa das europaweite EARSS-Register, die nationalen Daten der Paul-Ehrlich-Gesellschaft sowie die Daten diverser Kliniknetzwerke wie das GENARS-Netz von sieben Universitätskliniken oder der ITS-KISS-Verbund. An diesem Verbund sind 483 Intensivstationen beteiligt. (gvg)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Pneumonien unter Benzodiazepinen

Benzodiazepine sind bei Patienten, die an Morbus Alzheimer leiden, mit einer Häufung von Lungenentzündungen assoziiert. Für Z-Substanzen gilt das womöglich nicht. mehr »

Schelte für die SPD und die Bürgerversicherung

Bei der Eröffnung des 120. Deutschen Ärztetags nahm BÄK-Präsident Montgomery die Gerechtigkeitskampagne der SPD ins Visier. Lob gab es hingegen für Gesundheitsminister Gröhe. mehr »

Psychotherapie bei Borderline nur mäßig erfolgreich

Spezifische Psychotherapien sind bei Borderline-Patienten unterm Strich zwar wirksamer als unspezifische Behandlungen: Allerdings fällt die Bilanz in kontrollierten Studien eher mager aus. mehr »