Ärzte Zeitung online, 15.09.2009

Kommen tropische Krankheiten vermehrt auch nach Europa?

BAYREUTH (eb). Können tropische und subtropische Infektionskrankheiten infolge des Klimawandels nach Mitteleuropa vordringen? Die Klimabedingungen für pathogene Organismen und Viren als auch für die Überträger der Keime könnten sich zu deren Gunsten entwickeln. Dazu wird jetzt an Universität Bayreuth, Abteilung für Biogeografie geforscht.

Die Untersuchungen werden von einem Forscherteam unter Leitung von Professor Carl Beierkuhnlein vorangetrieben. Sie sind Teil des bayerischen Forschungsprojekts "Vector-borne infectious diseases in climate change investigations" (VICCI), das vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit koordiniert und vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit finanziert wird. Gemeinsam mit Partnern aus der Medizin und der Tiermedizin wollen die Bayreuther Forscher im Rahmen des VICCI-Projekts herausfinden, wie sich die Lebensbedingungen für Vektoren insbesondere in Bayern ändern werden.

Die Forscher warnen vor übereilten Festlegungen: Klimatische Entwicklungen sind nicht nur das Ergebnis von mittel- und langfristigen Trends, sondern werden auch von vereinzelten Extrem-Ereignissen wie Überschwemmungen oder Dürreperioden geprägt. Diese werden von allgemeinen Prognosen über klimatische Trends nicht erfasst. Außerdem hängen Prognosen hinsichtlich der Ausbreitung einer Insektenart auch von der räumlichen Skala ab, die dabei zugrunde gelegt wird. Wenn es um Vorhersagen für einen ganzen Kontinent wie Europa geht, sind hauptsächlich die klimatischen Faktoren für das Auftreten einer Art bestimmend.

Zudem steht nicht fest, dass tropische und subtropische Vektoren, die sich in Mitteleuropa ansiedeln könnten, auch hier als Krankheitsüberträger wirksam werden. Möglicherweise sind die jeweiligen Viren oder Mikroorganismen nicht oder nur mit deutlicher Verzögerung in der Lage, sich den Lebensbedingungen Mitteleuropas anzupassen.

Außerdem spielen in der komplexen Infektionskette neben Erreger und Vektor noch zusätzlich Reservoirwirte eine erhebliche Rolle. Dabei handelt es sich um Tiere wie Zugvögel, an denen sich Insekten infizieren können; diese wiederum geben das Virus an Menschen weiter. Daher sind auch die künftigen Lebensräume solcher Wirtstiere in die Gefahrenprognosen einzubeziehen.

Es sind also vielfältige ökologische und klimatische Faktoren zu berücksichtigen, wenn Prognosen zur potenziellen Ausbreitung tropischer und subtropischer Infektionskrankheiten zuverlässig sein sollen. Die Bayreuther Forscher um Beierkuhnlein streben daher eine verstärkte Zusammenarbeit von Medizinern, Geographen, Biologen und Ökologen an.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »