Ärzte Zeitung online, 09.04.2010

Neues Antibiotikum gegen multiresistente Keime entdeckt

JENA (eb). Ein Wissenschaftler-Team hat erstmals anaerobe Bakterien zur Bildung von Antibiotika bewegen können. Die als Closthioamid bezeichnete neue Substanz ist gegen Problemkeime wie multiresistente Staphylokokken wirksam und könnte als Grundlage für die Entwicklung einer neuen Antibiotika-Generation dienen.

Neues Antibiotikum gegen multiresistente Keime entdeckt

Clostridium cellulolyticum bildet ein bislang unbekanntes Antibiotikum. © HKI/EMZ-FSU

Das Team um Professor Christian Hertweck vom Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie - Hans-Knöll-Institut in Jena imitierte durch Zugabe von Bodenextrakt zum Nährmedium die Verhältnisse in der Natur. So stimulierten sie das anaerobe Bodenbakterium Clostridium cellulolyticum zur Bildung eines Stoffes, der unter den üblichen Laborbedingungen nicht produziert wird.

Die als Closthioamid bezeichnete neue Substanz ist doppelt interessant: Es handelt sich zum einen um ein äußerst ungewöhnliches, schwefelreiches Molekül. Zum anderen ist Closthioamid zudem gegen Problemkeime wie multiresistente Staphylokokken wirksam und könnte als Grundlage für die Entwicklung einer neuen Antibiotika-Generation dienen. (Angew Chem Int Ed Engl 11, 2010, 2011).

Seit der Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming im Jahr 1928 wurde eine Vielzahl weiterer Antibiotika entdeckt. Dabei sind Naturstoffe aus Mikroorganismen die wichtigste Quelle für die therapeutische Anwendung am Menschen. Zahllose Menschenleben konnten gerettet werden, seit gefürchtete Infektionskrankheiten schnell und einfach bekämpft werden können. Doch die Erreger - meist Bakterien - sind sehr einfallsreich. Immer wieder gelingt es ihnen, die Wirkung von Antibiotika zu umgehen und dagegen resistent zu werden.

Paradebeispiel ist Staphylococcus aureus, der heute als multiresistenter Keim kaum noch bekämpfbar ist und vor allem in Krankenhäusern lebensbedrohliche Infekte auslöst. Durch ihre hohe Vermehrungsrate geben die Bakterien ihre genetische Information rasend schnell weiter. So können sich auch Gene, die für Antibiotika-Resistenzen verantwortlich sind, binnen Wochen ausbreiten und sogar Artgrenzen überwinden.

Die Wissenschaftler stehen im Wettlauf mit der Natur, die durch fortwährende Mutation der Organismen solche Resistenzen hervorbringt. Weltweit arbeiten Forscher an der Suche nach neuen Antibiotika und versuchen, neue Quellen für antibakterielle Substanzen zu erschließen.

Hertweck und seine Kollegen wählten dafür Bakterien, deren Lebensraum eine völlig Sauerstoff-freie Umgebung ist. Bei solchen "Anaerobiern" wie Clostridium cellulolyticum war die Bildung von Antibiotika bisher völlig unbekannt. Das gesamte Genom des Bakteriums wurde kürzlich sequenziert, und den Jenaer Forschern fiel auf, dass Clostridium cellulolyticum Gene für die Bildung bislang völlig unbekannter Stoffe besitzt. Anscheinend sind diese Gene unter den standardisierten Laborbedingungen still.

Die Wissenschaftler versuchten, die Naturstoff-Synthese durch Variation der Kulturbedingungen in Gang zu setzen. Weder die Zugabe verschiedener Nährstoffe und Stressfaktoren, noch die Änderung von Temperatur oder pH-Wert führten zum Erfolg. Schließlich besannen sich Hertweck und Kollegen auf die Herkunft des Bakteriums: Es wurde aus pflanzlichem Kompost isoliert und trägt zum Verrottungsprozess bei, indem es die Cellulose abgestorbener Pflanzen abbaut.

Daher lag es nahe, bei der Kultivierung ähnliche Bedingungen zu schaffen, wie sie in der natürlichen Umgebung des Bakteriums vorherrschen. Nach Zugabe eines Extraktes aus einer Bodenprobe änderte sich das Bild: Das Spektrum der von Clostridium cellulolyticum gebildeten Stoffe enthielt eine neue Komponente. Aus fünf Litern Kulturansatz konnte in langwierigen Trenn- und Reinigungsprozeduren ein Milligramm der neuen Verbindung isoliert werden. Die winzige Menge reichte zur Aufklärung der Molekülstruktur und der biologischen Aktivität.

Die laufenden Forschungen sollen nicht nur den Mechanismus aufklären, sondern auch zeigen, ob der neue Naturstoff für die Entwicklung von Antibiotika geeignet ist. Außerdem studieren die Wissenschaftler die Biosynthese der außergewöhnlichen Substanz. Sie könnte Möglichkeiten aufzeigen, das Molekül durch gentechnische Eingriffe in das bakterielle Erbgut gezielt zu verändern und bestimmte Eigenschaften zu verstärken.

"Wir freuen uns sehr über unsere überraschende Entdeckung. Nicht nur, weil wir ein neues Antibiotikum gefunden haben. Durch unsere Arbeit wird auch klar, dass das Potenzial einer riesigen Organismengruppe bislang völlig übersehen wurde. Offensichtlich muss man nur die richtigen Bedingungen finden, um den Mikroorganismen ihre Schätze zu entlocken. Die kommenden Jahre werden auf diesem Gebiet sicherlich noch viele Überraschungen bringen", so Hertweck.

Abstract der Studie "Closthioamide: an unprecedented polythioamide antibiotic from the strictly anaerobic bacterium Clostridium cellulolyticum"

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