Ärzte Zeitung online, 15.08.2010

Erster Todesfall durch Infektion mit "Super-Bakterium" in Europa

BRÜSSEL (dpa). Das nur sehr schwer zu bekämpfende neue "Super-Bakterium" mit dem Gen NDM-1 hat in Belgien bereits ein Todesopfer gefordert.

Erster Todesfall durch Infektion mit "Super-Bakterium" in Europa

Teströhrchen in einem Antwerpener Labor. Offenbar ist das neue "Super-Bakterium" mit dem Gen NDM-1 nach Europa eingeschleppt worden.

© dpa

Dies sagte der Mikrobiologe Denis Pierard vom Brüsseler Universitätsklinikum der belgischen Tageszeitung "Le Soir". Das Bakterium ist bisher vor allem in Indien und Pakistan aufgetreten, aber auch bei mindestens 37 Patienten in Großbritannien. Es ist gegen fast alle Antibiotika hoch resistent. NDM-1 steht für Neu Delhi Metallo-Beta-Lactamase.

 Nach Auskunft Pierards war ein in Brüssel wohnhafter Mann aus Pakistan nach einem Besuch in seiner Heimat im Juni schwer erkrankt und dann an der Infektion mit dem NDM-1-Bakterium gestorben. Es handele sich um den vermutlich ersten NDM-1-Toten auf dem europäischen Festland. Der Mann sei in Pakistan am Bein verletzt und dort auch behandelt worden.

In Brüssel habe sich das Bakterium als "schrecklich resistent" gegen praktisch alle Antibiotika erwiesen. Auch eine Behandlung mit dem Antibiotikum Colistin, das sich in einigen anderen NDM-1 Fällen als wirksam erwiesen habe, sei gescheitert.    

Pierard sagte dem "Le Soir" (Freitagausgabe), die Gefahr einer Infektion in Belgien sei sehr gering. Praktisch alle bekannten Patienten hätten sich bei Behandlungen in pakistanischen oder indischen Krankenhäusern infiziert.

Zumindest in Großbritannien wurden die mutierten Erreger vermutlich von Medizintouristen eingeschleppt, die sich in Indien und Pakistan aus medizinischen oder rein kosmetischen Gründen operieren ließen. In Asien scheinen sie weiter verbreitet zu sein.

Ein internationales Team um Karthikeyan Kumarasamy von der Universität von Madras in Indien hat bei Patienten mehrerer Kliniken nach dem Keim geforscht. Die Wissenschaftler berichten von 37 betroffenen Patienten in Großbritannien und insgesamt rund 140 Patienten in Bangladesch, Indien und Pakistan. Sie präsentieren die Studie im aktuellen Journal "The Lancet Infectious Diseases".

Johann Pitout von der University of Calgary in Kanada forderte, alle Menschen, die von einer Operation aus Indien zurückkehren, vor einer weiteren Behandlung auf multiresistente Erreger untersuchen zu lassen. Wenn diese aufkommende Gefahr ignoriert werde, könnten die Kosten für die Gesundheitssysteme drastisch steigen, schreibt er in einem "Lancet"-Kommentar.

Das indische Gesundheitsministerium hingegen wehrt sich gegen den Vorwurf, dass eine Behandlung in dem Land nicht sicher wäre. Eine Mutation von Bakterien sei nichts Ungewöhnliches. "In jedem Moment gibt es vermutlich Milliarden solcher Ereignisse", zitiert der US- Nachrichtensender CNN eine Stellungnahme des Ministeriums. Solche Organismen würden sich durch Reisen weltweit verbreiten. Deshalb zu sagen, Indien sei kein sicherer Ort für Reisen und medizinische Behandlung, wäre falsch, erklärt das Ministerium. Zudem sei der Name "Neu Delhi" im Zusammenhang mit dem Gen unglücklich gewählt.

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