Ärzte Zeitung, 17.08.2010

"Superkeim" ist superresistent, aber nicht supervirulent

Kaum auf der Welt, ist der "Superkeim" schon zu einem Medienstar avanciert. Doch die verbreiteten Bedrohungsszenarien haben mit der Realität kaum etwas zu tun. Denn die aus Indien stammenden multiresistenten Bakterien sind keineswegs neu. Ihr Resistenzgen aber ist sehr mobil.

Von Michael Hubert

"Superkeim" ist superresistent, aber nicht supervirulent

Der belgische Mikrobiologe Professor Denis Pierard hält eine Kultur mit Bakterien in der Hand. In seinem Labor untersucht er auch Bakterien mit NDM-1.

© dpa

Die Schweinegrippe als Pandemie ist vorüber. Eine sehr hohe Zahl an Menschen war erkrankt, viele starben durch das Virus, das mittlere Alter der Erkrankten und Verstorbenen war deutlich niedriger als bei saisonalen Grippeepidemien. Wurde die Schweinegrippe mehrheitlich als harmlos wahrgenommen, scheint das bei dem neuen "Superkeim" vom indischen Subkontinent anders zu sein. Es entstehen in einigen Medien Bedrohungsszenarien, die mit der Realität kaum etwas zu tun haben.

Die Realität ist: In Indien und Pakistan wurde eine neue Form multiresistenter Enterobakterien entdeckt. Einige Patienten haben die Keime von dort nach Europa eingeschleppt. Ein erster Patient in Belgien ist gestorben. Bisher geht es in Europa um eine überschaubare Fallzahl. Auch in Deutschland gibt es erste, bisher einzelne Nachweise für solche Bakterien. "Bei den Bakterien handelt sich nicht um ein neues Bakterium an sich", schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) auf seiner Homepage.

Vielmehr haben bereits gegen andere Antibiotika mehrfachresistente Bakterien zusätzlich eine Resistenz gegen die therapeutisch wichtige Antibiotika-Gruppe der Carbapeneme erworben - durch ein zwischen Bakterien übertragbares Resistenzgen. "Diese Bakterien sind nicht virulenter als andere der gleichen Spezies", so das RKI weiter. Allerdings sind nur noch zwei Antibiotika wirksam, davon eines auch nur teilweise.

"Das Auftreten von Carbapenemresistenz bei Klebsiella pneumonia und anderen Enterobakterien an sich ist nicht neu", schreibt das RKI. Die durch Neu Dehli Metallo-ß-Laktamase-1 (NDM-1) vermittelte Resistenz besitzt aber wahrscheinlich eine größere Ausbreitungsfähigkeit. Denn das Resistenzgen sitze auf einem mobilen genetischen Element, das in konjugative Plasmide integriert ist, schreibt das RKI.

Offenbar sind Enterobakterien mit NDM-1 in Ländern des indischen Subkontinentes endemisch, so das Institut weiter. In einer Welt mit ausgeprägtem internationalen Tourismus, Handel und Wirtschaftsverflechtungen können sich, wie auch am Beispiel der Schweinegrippe nachhaltig erlebt, Infektionserreger sehr schnell über Kontinente hinweg ausbreiten. Das RKI hat daher in den vergangenen drei Jahren das Antibiotika-Resistenz-Surveillance System ARS aufgebaut, um die Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen frühzeitig zu erkennen.

Mehr Infos im Web unter: www.rki.de

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