Ärzte Zeitung, 16.11.2010

Hintergrund

Cholera, Polio, Sars: Gefahr für die gesamte Welt?

Schwere Cholera-Epidemien in Simbabwe und Haiti, ein Polio-Ausbruch in Zentralafrika, ein neuer Malaria-Erreger in Südostasien: Gefährden krisenhafte Situationen in bestimmten Gegenden der Erde auch den Rest der Welt?

Von Thomas Meißner

Cholera, Polio, Sars: Werden Ausbrüche früh erkannt, lassen sie sich meist gut eindämmen

Sars-Ausbruch 2003: Temperaturmessungen bei Passanten in Shanghai.

© dpa

Der Erdball ist in mancher Hinsicht zum Dorf geworden: Infektionserreger können sich unter Umständen rasch verbreiten, die Nachrichten darüber ebenso. Kommt es lokal zu Infektionsausbrüchen, gelte es beim Nachdenken über Konsequenzen im eigenen Land klar zu unterscheiden, wo der eigentliche Grund für eine Epidemie liege, betont Privatdozent Tomas Jelinek vom Centrum für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf.

Lokale Infrastrukturprobleme wie in Haiti und schweres Missmanagement im Gesundheitssystem wie in Simbabwe machen Cholera-Ausbrüche geradezu vorhersehbar. Abgesehen von importierten Einzelfällen ist eine Ausbreitung der Cholera in Deutschland oder Mitteleuropa nicht zu erwarten, da eine funktionierende Infrastruktur dies verhindert.

Vor kurzem hatte der Tod eines an Cholera erkrankten Kleinkindes in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Es hatte sich, ebenso wie seine Geschwister, bei einem Heimatbesuch der Familie in Pakistan angesteckt.

Dennoch gilt: Naturkatastrophen und politische Krisen sind aus infektiologischer Sicht zunächst einmal und vorwiegend lokal zu lösende Probleme - selbstverständlich mit Hilfe von Außen.

Anders sieht es etwa beim Poliomyelitis-Erreger aus. "Hier finde ich es schon bedenklich, dass wir es nicht schaffen, die Polio unter Kontrolle zu bringen", sagt Jelinek.

Nach einem Ausbruch in Kongo-Brazzaville waren Anfang November fast 100 Menschen an den Folgen von Kinderlähmung gestorben, mehr als 200 junge Menschen hatten schwere Lähmungen erlitten.

Nicht in allen Ländern wird akzeptiert, wie wichtig es ist, den Polio-Erreger auszurotten und konsequent zu impfen. Hinzu kommt, dass in einigen Teilen Europas bestimmte Gruppen von Menschen Impfungen prinzipiell ablehnen.

"Solange die Polio nicht eradiziert ist, sollten wir darauf achten, dass wir in Deutschland gute Durchimpfungsraten haben, um geschützt zu sein", so der Tropenmediziner.

Des Weiteren führt der Klimawandel dazu, dass sich Vektoren bestimmter Infektionserreger weiter ausbreiten. Die Tigermücke etwa brütet in Abwässerkanälen der Slums, reist gerne mit Frachtschiffen und mag es warm.

Wenn der Mensch die Lebensumstände für solche Überträger optimiert, muss er damit rechnen, dass entsprechende Krankheiten auch in Gegenden vorkommen, wo sie bislang als exotisch galten.

So muss man sich nach Jelineks Angaben auch in Mitteleuropa auf kleinere Ausbrüche von Chikungunya-Infektionen, West-Nil- und Dengue-Fieber einstellen, wenngleich sich solche Erreger nicht so festsetzen werden wie in Ländern mit subtropischem Klima.

Jedes Jahr tauchen neue Tierkrankheiten auf, die potenziell auch für Menschen gefährlich sein können oder deren Erreger irgendwann die Artgrenze überschreiten. Schlagzeilen macht gerade ein bislang nur von Affen bekannter Malariaerreger, der in den letzten Monaten vermehrt bei Menschen isoliert worden ist: Plasmodium knowlesi.

Im Frühjahr war der Fall einer US-Amerikanerin bekannt geworden, die sich mit dem lichtmikroskopisch nicht von P. malariae zu unterscheidenden Erreger infiziert hatte. Damit sind inzwischen fünf Malariaerreger beim Menschen bekannt.

Die Gefahr neuer Tierkrankheiten für den Menschen werde unterschätzt, meint der Epidemie-Koordinator der Vereinten Nationen, Dr. David Nabarro. Drei von vier neuen Krankheiten hätten ihren Ursprung bei Tieren, sagt er, angefangen bei Aids, Sars, Vogelgrippe und BSE bis hin zu Ebola-Infektionen und Schweinegrippe.

Die gute Nachricht: Die globale Kommunikation zum Thema Infektionen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, epidemiologische Nachrichtendienste arbeiten ausgesprochen effektiv.

Es sei sehr unwahrscheinlich, dass die WHO über signifikante Krankheitsausbrüche nichts oder erst spät erfährt wie es noch bei den Sars-Infektionen in China gewesen war, sagt Jelinek. Über das Internet verbreiten sich die Informationen rasend schnell.

Und die Schweinegrippe-Pandemie hat gezeigt, dass die Regierungen in der Lage sind, global zu reagieren. Eine gute Surveillance und große Aufmerksamkeit von Ärzten hilft, rechtzeitig Kontrollmaßnahmen einzuleiten und die weitere Ausbreitung von Infektionen zu verhindern.

Lesen Sie dazu auch:
Ist die Cholera in Haiti noch zu stoppen?

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