Ärzte Zeitung, 21.03.2011

Die TB-Infektionen sinken, die Risiken steigen

Die Tuberkulose wird nicht so bald vom Erdball verschwinden. An die Grenzen Europas stoßen Hochinfektionsgebiete. Gleichzeitig werden die Erreger immer resistenter. Eine gefährliche Variante taucht verstärkt auch in Deutschland auf.

Von Anno Fricke

Die TB-Infektionen sinken, die Risiken steigen

Ärzte diskutieren eine Röntgenaufnahme: Infektionen mit Tuberkulose bleiben dabei zu häufig unentdeckt.

© imago

BERLIN. Vor wenigen Jahren hatte die Weltgesundheitsorganisation noch vollmundig verkündet, die Tuberkulose werde bis zum Jahr 2015 vom Erdball verschwunden sein.

"Von solchen Zielen redet heute niemand mehr", sagte Dr. Sabine Rüsch-Gerdes bei einer Pressekonferenz anlässlich des am 24. März bevorstehenden Welttuberkulosetages. Schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen sind weltweit 2009 an der Krankheit gestorben. 2050 vielleicht könne die Krankheit besiegt sein, sagte die Leiterin des nationalen Referenzzentrums für Mykobakterien in Borstel.

Vor allem in Osteuropa und im südlichen Afrika ist die Tuberkulose auf dem Vormarsch. Direkt an der Grenze der Europäischen Union liegt mit Moldawien eines der am schwersten betroffenen Länder. 5000 Neuinfektionen zählte das 3,5 Millionen Einwohner zählende Land im Jahr 2009. Zum Vergleich: In Deutschland wurden in dem Jahr 4444 Tuberkuloseinfektionen entdeckt. 154 Menschen starben daran.

Tuberkulose-Erreger zeigen sich immer resistenter

Während die Zahl der Neuinfektionen seit Jahren kontinuierlich sinkt, treten die Erreger immer resistenter auf. In diesem Jahr seien in Deutschland bereits fünf Fälle von "extensively drug resistant"-Bakterien entdeckt worden. Die Bundesrepublik zählt damit zu den 55 Ländern, in denen diese Variante der multiresistenten Erreger aufgetreten sei, sagte Rüsch-Gerdes. Und es kommt noch schlimmer: Experten berichten von Totalresistenzen gegen die bekannten Antibiotika, die aus Asien bekannt geworden seien.

Bei Kindern erhöhe sich das Risiko, sich mit Tuberkulose zu infizieren, sagte Privatdozent Walter Haas vom Robert-Koch-Institut. Mit 146 neuen Fällen seien 20 Kinder unter 15 Jahren mehr betroffen gewesen als noch 2008. Dies deute darauf hin, dass die Prävention versage. Kinder, die sich in der frühen Kindheit infizierten, wüchsen im Erwachsenenalter nach einer Reaktivierung zu Überträgern der Krankheit heran.

Eine präventive Maßnahme zum Schutz von Kindern sei das Screening von jungen Frauen, die als Au-Pairs nach Deutschland kämen.

Öffentliche TB-Fürsorge hat zu wenig Ärzte

In den vergangenen Jahren seien in Deutschland 15 Au-Pairs aus Afrika, Asien und Europa mit dem Erreger identifiziert worden. Die öffentliche TB-Fürsorge habe dafür zu wenige Ärzte, die zudem zu schlecht bezahlt würden, hieß es.

Eine weitere präventive Maßnahme sei die Kosten für die Rezeptgebühren und die Praxisgebühr zu übernehmen. Die stellten hohe Hürden für die zumeist ausländischen Kranken dar, schlug Professor Loddenkemper vor.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
TB braucht weltweit mehr Beachtung

[22.03.2011, 12:02:28]
Dr. Horst Grünwoldt 
WHO-Verkündungen
Die WHO-Bürokraten mit Residenz am Genfer See ,resp. FAO-Experten in Rom, haben schon so manches versprochen und auch gleich ausgerufen. Zu meiner E-Land -Zeit, während der 80er Jahre in Westafrika (zum Beginn des AIDS- Zeitalters!) fand sich zum Bespiel an jeder dörflichen Infirmerie das WHO-Plakat "La Sante pour tous en annee 2000". Dieses leere Versprechen hätte mindestens für die Tropen vorausgesetzt, daß jeder Bewohner Afrikas Zugang zum sauberen Trinkwasser haben würde und einmal am Tag eine ausgewogene Mahlzeit bekäme. Nun sollten Infektiologen und Epidemiologen sich als Fachleute etwas in Bescheidenheit üben und keine Versprechungen machen, die unhaltbar sind. Schließlich wird es immer in irgendeinem weiten, bisher nicht "globalisierten", durch die WHO erfaßten Winkel der Welt einen unentdeckten Fall eines latent Infizierten geben. Das wird ganz besonders auch für die nicht ausrottbare TB gelten, deren Erreger gottlob i.d.R. erst auf immungeschwächten oder mangelernährten Menschen "angeht" und krankmachen kann. Da dürfte tatsächlich präventiv am billigsten und besten beim grenzüberschreitenden Verkehr von Personen mit Herkunft aus bestimmten E-Landern der kontrollierte "Tine-Test" langfristig Abhilfe leisten. Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (1981-83 Chef du Projet Institut National d´Hygiene Lome/Togo) zum Beitrag »

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