Ärzte Zeitung online, 04.11.2011

Tod der Frühchen: Klinikmitarbeiter werden untersucht

Das RKI-Team durchforstet Krankenakten, Klinikmitarbeiter geben Stuhlproben ab: Im Bremer Klinikum Mitte wird fieberhaft nach dem Auslöser der Infektion gesucht, die drei Frühchen das Leben gekostet hat. Doch noch tappt man im Dunkeln.

Tod der Frühchen: Klinikmitarbeiter werden untersucht

In der Klinik Bremen-Mitte sucht derzeit ein Krisenteam des Robert-Koch-Instituts nach dem Auslöser der Infektionswelle.

© dpa

BREMEN (cben). Die Station desinfizieren, das Personal screenen und der Informationspanne nachgehen. Nach dem Tod dreier Frühchen in Bremen mühen sich Senatorin, Klinik, Staatsanwaltschaft und Robert-Koch-Institut um Aufklärung.

Im Kampf gegen den Keim Klebsiella pneumoniae, der Lungenentzündung und Durchfall auslösen kann und als Ursache der Frühchen-Infektionen identifiziert wurde, lässt die Krankenhausleitung des Bremer Klinikum Mitte (KBM) die neonatologische Station komplett räumen und desinfizieren.

Außerdem werden alle Materialien der Station ausgetauscht. Die kleinen Patienten werden bis zu ihrer Entlassung in einer eigenen Isolierstation untergebracht.

Desinfektion läuft

Die Desinfektion werden eine Woche dauern, sagte der Chef der Bremer Klinik-Holding "Gesundheit Nord", Dr. Diethelm Hansen, am 3. November vor der Presse. "Dann können wieder Frühchen dort versorgt werden."

Bis dahin empfehle er Müttern mit Hochrisiko-Schwangerschaften die umliegenden Level-eins-Neonatologien unter anderem in Hannover oder Hamburg.

Erkrankte Frühchen werden verlegt

Die erkrankten Säuglinge, bei denen ein Speziallabor den Keim nachgewiesen hat, sollen in den nächsten Tagen auf eine eigens dafür eingerichtete Abteilung verlegt werden.

"Es erfordert einen erheblichen technischen Aufwand, die Frühchen sicher auf die andere Station zu bringen", erläuterte Andrea Theil, Sprecherin des Kinikverbundes Gesundheit Nord.

Wie angekündigt, wurde das Personal gescreent. Die Mitarbeiter der betroffenen Station mussten am Freitag Stuhlproben abgeben. Das Ergebnis werde in einigen Tagen vorliegen, sagte Theil.

RKI sucht Quelle des Keims - bisher erfolglos

Mit Hochdruck durchforsten drei Experten vom Robert-Koch-Institut die Krankenakten der infizierten Neugeborenen, um den Auslöser der Infektionswelle zu finden. Noch verlief die Suche ergebnislos

Das RKI-Team will am 6. November entscheiden, ob in der kommenden Woche eine Fallkontrollstudie angestrengt werden soll. "Das RKI hat uns bestätigt, dass wir im Kampf gegen die Keime bisher alles richtig gemacht haben", sagte Dr. Matthias Gruhl von der Gesundheitsbehörde. "Das Klinikum hat getan, was auch das RKI vorgeschlagen hätte."

Gesundheitsamt wurde am 7. September informiert

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass seit dem 8. August drei Frühchen in der 16-Betten-Station an dem Keim gestorben sind. Nach der ersten Welle der Infektionen im Spätsommer hatte die Klinik am 7. September das Bremer Gesundheitsamt informiert. "Dort wurde nicht nur die Meldung entgegen genommen, sondern das Amt war sehr involviert und hat alle notwendigen Kontrollen veranlasst", sagte Gruhl. Zunächst glaubte man, den Keim damit besiegt zu haben.

Als die Infektionen im Herbst erneut auftraten, hat Gruhl auf Anraten des Gesundheitsamtes am 1. November das RKI informiert. Unklar ist, warum Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) ebenfalls erst am 1. November informiert wurde. "Dass ich so spät informiert wurde, ist nicht gut", kritisierte Jürgens Pieper.

Schätzte Gesundheitsamt Lage falsch ein?

"Wir erwarten die Meldung vom Gesundheitsamt, wenn wegen einer Infektion Politik und Öffentlichkeit beteiligt werden müssen", erklärte Gruhl. Möglichweise sei hier die Lage vom Gesundheitsamt falsch eingeschätzt worden, hieß es. Zunächst wolle man die Quelle des Keims finden und dann die Fragen des Informationsflusses klären, sagte die Senatorin. Die Bremer CDU-Bürgerschaftsfraktion sprach von "chaotischem Krisenmanagement."

Insgesamt hatte die Ärzte bei 15 Kindern der Neonatologie im KBM eine Besiedelung nachgewiesen. Sieben von ihnen sind an einer Sepsis erkrankt und drei der sieben gestorben. Die übrigen Vier wurden erfolgreich behandelt, zwei bereits entlassen.

Derzeit seien noch 10 der Kleinen Patienten in der Klink. Pro Jahr werden in der Bremer Neonatologie 80 bis 100 Frühchen versorgt, sagte Hansen.

Lesen Sie dazu auch:
Tote Frühchen und eine Informationspanne

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