Ärzte Zeitung, 25.03.2012

Der mühsame Weg zurück ans Jazz-Klavier

Durch seine Erkrankung am chronischen Erschöpfungssyndrom stürzte der Pianist Keith Jarrett vom Gipfel des Klavier-Olymps. Nur langsam fand er zurück zu seinem einzigartigen Können. Heute sprüht er - genesen und gereift - wieder vor Energie.

Von Stefan Käshammer

Der mühsame Weg zurück ans Jazz-Klavier

Ruhestand oder Altersteilzeit sind für den 66-Jährigen Keith Jarrett noch kein Thema. ©: dpa

Schon alleine wegen seiner erfolgreichsten Platte, dem "Köln Concert" von 1976, ist der Jazzpianist Keith Jarrett auch Hörern anderer Musikrichtungen wohlbekannt. Was jedoch viele nicht wissen: In der 1990er Jahren war Jarrett jahrelang aus den Konzertsälen der Welt verschwunden. Der Grund: Jarrett hatte damals einen schweren Einbruch. Bei ihm wurde das Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) diagnostiziert. Heute spielt er wieder in der allerersten Pianistenliga. Als wäre nichts gewesen?

Chronische Erschöpfung (CFS)

Das Chronic Fatigue Syndrome (CFS) ist eine lähmende geistige und körperliche Erschöpfung, die mit Kopf-, Hals-, Gelenk- und Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen einhergeht. Es beginnt mit grippeähnlichen Symptomen und hält länger als sechs Monate an. Die Patienten sind meist 30 bis 45 Jahre alt. Etwa 75 Prozent davon sind Frauen.

CFS ist eine Ausschlussdiagnose. Zuvor sollten die Patienten etwa auf Depression, Angststörungen, Schlafapnoe, Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, Fibromyalgie, Tumorerkrankungen, Aids, Borreliose und MS untersucht worden sein.

Als Ursache von CFS wird eine chronische Aktivierung des Immunsystems vermutet. Auch Infektionen mit intrazellulären Erregern werden als Ursache diskutiert.

Therapieoptionen sind: Mikronährstoffe, Mittel gegen chronische Infektionen, Vermeiden von Intoxikationen, Ernährungsumstellung, Akupunktur, Physio-, Schmerz- und Psychotherapie.

Fast nichts: Bei Licht betrachtet überrascht es nicht, dass Jarrett, der jahrzehntelang als Innovator und Trendsetter am Klavier immer wieder Akzente setzte, irgendwann die Puste ausging: Er wurde 1945 in Allentown im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren. Schon mit drei Jahren begann er Klavier zu spielen und galt schnell als musikalisches Wunderkind. In den 1960er Jahren wurde er an der Seite von Jazz-Größen wie Art Blakey, Charles Lloyd und Miles Davis dem großen Publikum bekannt.

In den 1970er Jahren leistete Jarrett mit seinem amerikanischen und seinem europäischen Quartett wichtige Beiträge zu modernem Jazz und Free Jazz. Außerdem gelang ihm mit einer Reihe von improvisierten Konzerten ohne Begleitung nicht weniger als eine Neudefinition des Soloklavierspiels.

Der Live-Mitschnitt seines Auftrittes in der Kölner Oper wurde als "The Köln Concert" weltbekannt. Es verkaufte sich rund zwei Millionen mal und ist bis heute das erfolgreichste Jazz-Solo-Album.

In den 1980er Jahren begann Jarrett die damals unpopulären Evergreens der Jazz-Musik, die sogenannten "Standards", im Trio mit Kontrabass und Schlagzeug wiederzubeleben. Seine Formation hat seitdem in unveränderter Besetzung unzählige Studio- und Live-Aufnahmen veröffentlicht und viele Nachahmer gefunden.

Nicht nur im Jazz ist Jarrett aktiv: Auch seine Einspielungen klassischer Klavierwerke, etwa der Bach'schen Goldbergvariationen werden von der Kritik hochgelobt.

Nach der CFS-Diagnose Mitte der 1990er Jahre war für Jarrett einige Jahre nicht an Auftritte oder Plattenaufnahmen zu denken. Wie er später bekannt gab, wusste er zeitweise nicht einmal, ob er je wieder in der Lage sein würde, Klavier zu spielen. Eigentlich sei er damals gezwungen gewesen, von vorne anzufangen.

Nach seinen eigenen Angaben habe sie jedoch überwiegend aus Physiotherapie und hochdosierter Schmerztherapie bestanden. "Mein Arzt sagte, die wenigsten CFS-Patienten wären wie ich bereit gewesen, die unerwünschten Wirkungen der Medikamente zu ertragen", erinnert sich Jarrett.

Schwerer und steiniger Weg zurück

Der Weg zurück sei extrem steinig und schwer gewesen, wie er heute einräumt. 1998 hatte er in seinem Studio zu Hause zaghaft begonnen, einige ruhige Stücke einzuspielen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatte er monatelang nicht gespielt.

Die Aufnahmen waren zunächst als Weihnachtsgeschenk für seine Frau gedacht. Etwas später wurden sie auf CD veröffentlicht ("The Melody At Night, With You") und ein erster Erfolg für den genesenden Jarrett.

Während der ersten Proben mit seinem Trio nach der Krankheitsphase hatte er vereinzelt Rückfälle bekommen. Dennoch konnte das ebenfalls erfolgreiche Trio-Album "Whisper Not" 2000 veröffentlicht werden.

Produktiv wie früher, aber weniger Konzerte

Seitdem hat Jarrett schrittweise fast zu alter Produktivität zurückgefunden. Eine Lehre hat er allerdings aus der Zeit mit CFS gezogen. Heute weiß er, wie er mit seinen Kräften haushaltet und gibt deutlich weniger Konzerte als in den 1970er und 1980er Jahren.

Trotzdem setzt Jarrett weiter Akzente: Erst kürzlich kam der Mitschnitt seines jüngsten Solo-Konzertes aus dem Theatro Municipal in Rio de Janeiro heraus. Es wurde - wie die meisten Jarret-Aufnahmen - von der Münchner Platten-Firma ECM veröffentlicht.

Die Aufnahme mit dem schlichten Titel "Rio" gilt Jazz-Experten schon jetzt als mindestens genauso wegweisend wie das legendäre "Köln Concert".

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