Ärzte Zeitung, 23.08.2012

Starker Ausbruch

West-Nil-Fieber verängstigt die USA

Die Seuchenexperten in den USA sind beunruhigt: Das West-Nil-Virus breitet sich rasend aus - und hat bislang 41 Menschen das Leben gekostet. Es ist der stärkste Ausbruch in den Vereinigten Staaten überhaupt. 38 Staaten melden Erkrankte. In Dallas wurde der Notstand ausgerufen.

Von Wolfgang Geissel

West-Nil-Fieber verängstigt die USA

Verschiedene Stechmücken sind Hauptüberträger von West-Nil-Viren. Durch Mückenschutz können Infektionen vermieden werden.

© kletr / shutterstock

Atlanta. Noch nie sind in den USA in einem Jahr bis Mitte August so viele Erkrankungen mit dem West-Nil-Virus (WNV) gemeldet worden: 1118 Fälle und 41 Tote haben die Centers of Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta bis zum 21. August registriert.

Besonders der steile Anstieg der Erkrankungszahlen beunruhigt die Seuchenexperten: Bis vor einem Monat habe es nur 25 Meldungen gegeben, berichtet Dr. Lyle Petersen von der CDC-Abteilung für "Vektor-übertragene" Infektionskrankheiten im Nachrichtenportal "Medpage today".

Ein Ende der Erkrankungswelle ist erst im Herbst zu erwarten: Die aktuell gemeldeten Patienten haben sich in den vergangenen Wochen infiziert. Das Infektionsrisiko besteht aber noch mindestens bis Ende September, wenn die Aktivität der Überträgermücken abnimmt.

Erkrankte Menschen in 38 Staaten

Nur in drei US-Staaten - Alaska, Hawai und Vermont - sind in diesem Jahr keine WNV-Aktivitäten bei Menschen, Vögeln oder Moskitos beobachtet worden.

Aus 38 Staaten wurden erkrankte Menschen gemeldet, der Fokus des Ausbruchs mit drei Vierteln der Fälle liegt dabei im Süden und im mittleren Westen in den fünf Staaten Texas, Mississippi, Louisiana, South Dakota und Oklahoma. Allein in Texas gab es dabei etwa die Hälfte der Erkrankungen.

Hauptüberträger von WNV sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) verschiedene Stechmücken (Epi Bull 2010; 37: 373). Als Hauptreservoir gelten wild lebende Vögel. Da es keinen Impfstoff gegen WNV gibt, ist der Schutz vor Überträgermücken die einzige Möglichkeit der Prävention.

Empfohlen werden Repellents sowie körperbedeckende Kleidung (lange Hosen und langärmelige Hemden) in der Abend- und Morgendämmerung; außerdem ist in Schlafräumen auf mückendichte Fenster und Türen zu achten.

Nach RKI-Angaben entwickelt etwa jeder fünfte Betroffene bei einer West-Nil-Virus-Infektion eine fieberhafte, grippeähnliche Erkrankung. Wegen der unspezifischen Symptome mit Kopf- und Gliederschmerzen sowie Exanthem werden viele leichte Erkrankungen übersehen. Gegen die Infektion ist bisher nur eine symptomatische Therapie möglich.

Notstand in Dallas

Nach Schätzungen verläuft die Krankheit bei etwa einem von 150 Infizierten neuroinvasiv mit Meningitis und Enzephalitis. Solche schweren WNV-Erkrankungen werden in der Regel registriert, weil Betroffene meist in Krankenhäusern behandelt werden müssen.

Sie machen in diesem Jahr in den USA etwa 56 Prozent der Meldungen aus (629 Fälle). Ein bis zwei Tage, nachdem ein Patient fiebert, kommt es dann zu einer Meningitis mit Nackensteife, Kopfschmerzen, Enzephalitis, Verwirrung und Krämpfen. Folgen sind akute schlaffe Paresen, weshalb die schwere Variante des West-Nil-Fiebers auch die neue Polio Nordamerikas genannt wird.

Die Infektion verläuft vor allem bei Patienten mit Immundefizienz oder Tumorerkrankungen oder auch bei alten Menschen und kleinen Kindern schwer. Bei Schwangeren können WNV über die Plazenta auf den Feten übergehen. Schwere Schäden beim Kind können die Folge sein.

Wegen des starken Anstiegs der Erkrankungszahlen wurde in der Texas-Metropole Dallas vergangene Woche bereits der Notstand verhängt. In der am stärksten betroffenen Region Dallas County werden jetzt die Überträgermücken von zwei Flugzeugen aus mit Insektiziden bekämpft.

Warum der Ausbruch in diesem Jahr so stark ist, ist noch weitgehend ein Rätsel. Möglicherweise lag es an der Wetterkonstellation: Ein milder Winter mit früh einsetzendem Frühling und heißem Sommer könnte das Wachstum der Überträgermücken begünstigt haben.

Vereinzelte Fälle in Deutschland

Nach Deutschland ist West-Nil-Fieber in den vergangenen Jahren vereinzelt importiert worden. So hatte zum Beispiel das Gesundheitsamt Erding vor fünf Jahren über einen 55-jährigen Texaner berichtet, der bei einem Aufenthalt in Deutschland schwer erkrankt war (Epi Bull 2007, 44: 412).

Erst vier Wochen später nach Abklingen der Symptome hatte er damals einen Arzt aufgesucht, die serologische Diagnostik ergab dann einen WNV-Infekt. USA-Rückkehrer mit Kopf- und Gliederschmerzen sowie Fieber können also durchaus mit WNV infiziert sein.

In Europa hat es WNV-Ausbrüche bisher in Südrussland, Nordgriechenland, Rumänien und der Türkei gegeben. Vereinzelte Erkrankungen wurden zudem in Ungarn und Norditalien registriert.

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