Ärzte Zeitung, 11.12.2012

Op-Komplikationen

Kritische Wochen nach der Klinikentlassung

Die ersten Wochen nach der Klinikentlassung sind für frisch operierte Patienten riskant. In dieser Zeit ereigneten sich einer US-Studie zufolge über 40 Prozent aller Komplikationen. Wundinfektionen waren dabei am häufigsten.

Von Elke Oberhofer

Kritische Wochen nach der Klinikentlassung

Ein Patient wird nach einer Operation am Bein in einer Praxis nachbehandelt. Erraten Sie in welchem Jahr?

© Klaro

PALO ALTO. Daten von über 550.000 operierten Patienten haben Forscher um Hadiza S. Kazaure von der Stanford-University in Kalifornien gesammelt, und zwar aus einem Programm zur Qualitätsverbesserung in der Chirurgie unter Federführung des American College of Surgeons (ACS-NSQIP).

Bei 17 Prozent der Patienten traten Komplikationen auf. 42 Prozent ereigneten sich in den ersten 30 Tagen nach der Entlassung aus der Klinik, von diesen fielen wiederum zwei Drittel in die ersten beiden Wochen (Arch Surg 2012; 147: 1000).

Viele Probleme nach Proktektomie

Am riskantesten war die Proktektomie, bei 15 Prozent traten Komplikationen auf, gefolgt von Darmfistelchirurgie (13 Prozent) und Pankreas-Operationen (11 Prozent).

Die Eingriffe, bei denen die meisten Komplikationen erst nach Entlassung auftraten, waren Operationen an der Brust, bariatrische Chirurgie und nach Bauchhernien-Operationen mit 79, 69 und 62 Prozent aller Komplikationen.

Das häufigste Problem war generell die Wundinfektion. Oberflächliche Infektionen stellten 31 Prozent aller Komplikationen, aber auch schwere Septitiden (11 Prozent), tiefe Wundinfektionen (7 Prozent) und Nahtdehiszenzen (knapp 5 Prozent) kamen vergleichsweise häufig vor.

Knapp 10 Prozent der Komplikationen waren Harnwegsinfekte; Thrombosen und Lungenembolien machten jeweils etwa 4 Prozent aus, Lungenembolie und septischer Schock 2,4 und 2,7 Prozent.

Bei langer Op-Dauer häufig Risiken

Das Risiko, binnen 30 Tagen erneut operiert werden zu müssen, war bei Patienten mit Komplikationen mehr als dreifach erhöht; ebenso das Risiko, in dieser Zeit zu sterben.

Eine lange Op-Dauer gehörte zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine Komplikation nach Entlassung, ebenso wie ein bereits während des Klinikaufenthalts aufgetretener Zwischenfall.

Vor allem Patienten mit Diabetes oder Adipositas waren gefährdet, und auch Patienten, die Steroide nahmen.

Die Autoren fordern, vor allem solche Risikokandidaten besser im Auge zu behalten. Zur Op-Nachsorge gehöre die sorgfältige Wundpflege, zu der man die Patienten entsprechend anleiten müsse, und eine konsequente Thromboseprophylaxe.

Die Möglichkeiten telemedizinischer Überwachung seien zudem bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. In einer früheren Studie hatte ein Tele-Monitoring-System dazu geführt, dass die Zahl der erneuten Klinikeinweisungen um 44 Prozent zurückgegangen war.

Sorgfältige Risikoabwägung nötig

Ein wesentlicher Teil der Verantwortung liegt jedoch bei der Klinik: Vor jedem Eingriff müsse eine sorgfältige Risikoabwägung stehen, so Kazaure, vor allem komorbide Patienten erforderten eine optimale Vorbereitung, und beim Eingriff selbst sei höchste Akribie vonnöten.

In Deutschland wurden 2004 die "Fallpauschalen" eingeführt. Die Kliniken rechnen seither nicht mehr nach Tagessätzen ab, sondern auf der Basis der sogenannten "Diagnosis Related Groups" (DRG).

Allzu langen Liegedauern sollte so der finanzielle Anreiz genommen werden. Um den Patienten vor einer verfrühten Entlassung zu schützen, wurden indes nicht nur obere, sondern auch untere Grenzverweildauern festgelegt.

Wie eine Studie des Zentrums für Qualität und Management im Gesundheitswesen der Ärztekammer Niedersachsen von 2010 nahelegt, hat die pauschalierte Vergütung offenbar nicht wie befürchtet zur Zunahme "blutiger Entlassungen" geführt (Dtsch Arztebl 2010; 107(1-2): A 25).

Die Qualität der Versorgung sei durchaus gleich geblieben, auch aus Patientensicht, so die Autoren um Dr. Brigitte Sens aus Hannover. Eine Studie des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) zeichnet ein ähnliches Bild (wir berichteten).

Wirtschaftliches Risiko abgewälzt

Dem widerspricht jedoch die Einschätzung der zuweisenden Ärzte: Von diesen waren in der niedersächsischen Studie 70 Prozent der Ansicht, dass sich die Situation seit Einführung des DRG-Systems verschlechtert habe.

Die Niedergelassenen kritisieren, dass die ambulanten Behandlungen durch die nicht abgeschlossene Heilung teurer würden, ohne dass sie bei den Kostenträgern vollständig abgerechnet werden können. Das wirtschaftliche Risiko werde somit auf den Hausarzt abgewälzt.

Quelle: www.springermedizin.de

Lesen Sie dazu auch:
Kommentar zu Op-Komplikationen: Auf den Hausarzt abgewälzt

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Personal-Notstand auf deutschen Intensivstationen

Auf deutschen Intensivstationen fehlen mehr als 3000 Spezialpflegekräfte. Die Krankenhäuser wollen reagieren. Das Personal denkt über einen Großstreik nach. mehr »

HIV-Impfung generiert Immunantwort

Eine Impfung gegen HIV ist in frühen klinischen Studien. Erste Ergebnisse sind positiv. mehr »

Warum die Putzhilfe glücklich macht

Putzen, Wäsche waschen, Kochen: Viele Menschen empfinden all das als nervige Pflichten. Wer Geld hat, kann andere für sich arbeiten lassen - und fühlt sich dann zufriedener. Das haben Forscher herausgefunden. mehr »