Ärzte Zeitung, 11.04.2016

Neue Infektionen

Virologen bereiten sich auf Ausbrüche vor

Verschiedene Viren zoonotischen Ursprungs treten neuerdings auch bei Menschen auf. Virologen stellen sich auf mögliche Pandemien ein.

Von Thomas Meißner

Virologen bereiten sich auf Ausbrüche vor

Außer Dengue (Abbildung) breiten sich neuerdings neue Arbovirosen wie das Chikungunya-Virus aus.

© molekuul.be / fotolia.com

MANNHEIM. Von den etwa 1400 bekannten humanpathogenen Erregern sind 60 Prozent zoonotischen Ursprungs. Beispiele sind HI-Viren aus Affen, Hanta- und Lassa-Viren aus Nagern oder das Ebola-Virus, dessen Wirt die Fledermaus ist.

So ist es auch mit neu auftretenden Infektionen, die Virologen zunehmend beschäftigen: Das SARS-Coronavirus verursachte 2002/2003 eine Pandemie, die Letalität betrug 10 Prozent.

Seitdem sei keine SARS-Erkrankung mehr bekannt geworden, erklärte Professor Jan Felix Drexler vom Universitätsklinikum Bonn auf dem DGIM-Kongress 2016.

Jedoch ist im Jahre 2012 ein weiteres Coronavirus im Menschen festgestellt worden: MERS-CoV (Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus).

Es kommt auf der arabischen Halbinsel vor, verursacht schwere Infektionen der Atemwege und kann zum Nierenversagen führen. Die Mortalität liege bei 30 Prozent, so Drexler.

Außer in der saudi-arabischen Stadt Jeddah gab es einen großen Ausbruch in Korea. Außerdem seien Fälle infizierter Medizintouristen sowie infizierter Urlauber aus dem Gebiet festgestellt worden. "60 Prozent der Infizierten sind Männer, 10 Prozent sind Krankenhausmitarbeiter", sagte der Virologe.

Inzwischen sei geklärt, dass die in Fledermäusen vorkommenden Viren über Kamele auf den Menschen übertragen worden sind. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch komme kaum vor.

Denn das Virus kann sich nur in den unteren Atemwegen replizieren. Die bekannt gewordenen Ausbrüche seien offenbar auf mangelnde Krankenhaushygiene im Umgang mit intubierten Patienten zurückzuführen.

Erste Impfstoff-Kandidaten

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Weitere Berichte vom Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Mannheim finden Sie hier: aerztezeitung.de/dgim2016

Der Stellenwert einer antiviralen Behandlung bei MERS ist derzeit unklar. Inzwischen gibt es erste Kandidaten für eine Vakzine. Noch ist aber unklar, ob und in welchem Umfang Impfungen von Tieren und/oder Menschen gerechtfertigt sind.

Arboviren sind durch Arthropoden übertragene Viren, die unter anderem Fieber, schwere Arthralgien und Muskelschmerzen sowie stammbetonte Hautausschläge auslösen.

Außer Dengue breiten sich neuerdings neue Arbovirosen aus, vor allem das Chikungunya-Virus, das aus Afrika und Asien 2013 nach Lateinamerika gelangt ist mit dort inzwischen über einer Million Erkrankungen.

"Das Problem ist bisher überhaupt nicht unter Kontrolle", sagte Drexler. Folgen der Infektion können chronische Arthralgien sein.

Bestimmte Viren kommen inzwischen auch vermehrt in Europa an. So sind in der EU und Nachbarstaaten über 200 Fälle von Patienten mit West-Nil-Virus-Infektionen identifiziert worden. Zwar verlaufen über 90 Prozent dieser Infektionen mild.

Vereinzelt kommen jedoch schwere Poliomyelitis-ähnliche Verläufe vor. Daher sollen inzwischen Blutspender in Endemiegebieten auf die West-Nil-Virusinfektion getestet werden. Drexler: "Das ist ein logistisches und teures Versorgungsproblem!"

In Bezug auf das Zika-Virus sagte der Virologe: "In den vergangenen Jahrzehnten gab es in Afrika sporadische Infektionen. Dieses Bild scheint sich radikal zu ändern, nachdem es 2014 nach Brasilien eingeschleppt worden ist."

Zwar verlaufen 80 Prozent der Infektionen asymptomatisch. Noch nicht abschließend beantwortet sei die Frage, inwiefern die Assoziation mit dem Auftreten von Mikrozephalien bei Neugeborenen sowie weiteren neurologischen Schäden kausaler Natur ist.

Das Risiko für eine autochthone Übertragung in Deutschland bezeichnete Drexler als minimal.

Dynamische Lösungen nötig

Die Ebola-Krise in Westafrika habe gezeigt, dass die Welt dynamischere Lösungen für die Bewältigung solcher Ereignisse benötige als bislang, meinte Professor Marylyn Addo, Tropenmedizinerin in Hamburg-Eppendorf. Mit politischem Willen und entsprechenden Ressourcen sei dies durchaus möglich.

Inzwischen habe die WHO eine Liste von acht Pathogenen erstellt, die in kommenden Jahren potenziell Pandemien auslösen könnten, so Addo.

Dazu gehören außer einigen bereits genannten Viren unter anderem auch das Krim-Kongo-Virus, das zum Beispiel bereits gehäuft in der Türkei auftritt, Nipah und der Erreger des Rift Valley Fever.

Diese Liste soll jährlich überprüft werden und es werden vorsorglich organisatorische, technische, medizinische und finanzielle Maßnahmen zum Umgang mit derartigen Ausbrüchen ergriffen.

Gefördert werden Kooperationen von Behörden und Industrie in Konsortien, die zügig Notfall-Impfstoffe entwickeln und zur Verfügung stellen sollen.

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