Ärzte Zeitung, 23.11.2010

Atemwegsinfekte: Das Rezept für Antibiotika muss meist nicht sein

In der Annahme, die Patienten erwarteten es nicht anders, verschreiben Ärzte gegen Atemwegsinfekte manchmal wider besseres Wissen Antibiotika. Doch diese vorauseilende Wunscherfüllung ist meist überflüssig, wie sich bei einer Befragung herausgestellt hat.

Von Wolfgang Geissel

Atemwegsinfekte: Das Rezept für Antibiotika muss meist nicht sein

Gerade jüngere Patienten mit Atemwegsinfektionen brauchen meist keine Antibiotika, sondern eventuell nur Symptomlinderung.

© Patrizia Tilly/fotolia.com

BERLIN. In den Herbst- und Wintermonaten haben bis zu zwei Drittel der Patienten in allgemeinmedizinischen Praxen akute Atemwegsinfektionen. Meist sind die Erkrankungen viral bedingt, und nur bei Hinweisen auf eine bakterielle Genese ist eine Antibiotika-Therapie sinnvoll.

Besonders bei länger dauernder Sinusitis (über sieben Tage) oder auch bei purulenter Tracheobronchitis ist die Verordnung zu erwägen. Vor allem Patienten im Alter über 50 Jahren mit Vor- oder Grunderkrankungen brauchen eine solche antibiotische Behandlung. Für andere Patienten gibt es meist wirksame Alternativen zur Symptomlinderung, etwa aus der Phytomedizin.

Trotzdem verleitet die Annahme - viele Patienten erwarteten Antibiotika auch bei banalen Erkältungen - manchmal dazu, diese Wirkstoffe auch wider besseres Wissen zu verordnen.

Dass diese Erwartungshaltung meistens aber gar nicht da ist, belegt eine aktuelle Umfrage von Robert Koch-Institut und Charité eindeutig (wir berichteten). Und wenn ein Patient dennoch ein derartiges Medikament erwartet, dann lässt er es sich meistens vom Arzt auch ausreden, hat die Befragung ebenfalls ergeben.

In der Studie wurden bundesweit 1076 Personen im Alter von 15 bis 78 Jahren über ihre Einstellungen zu Antibiotika befragt (Euro Surveillance online). 92 Prozent gaben dabei an, dass sie ein Antibiotikum nur einnehmen würden, wenn es unbedingt notwendig wäre. Allerdings meinten fast 38 Prozent, dass bei normaler Erkältung oder Grippe erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden kann.

Anders gefragt, gab gut jeder zehnte Teilnehmer (n = 113) an, dass er erwarte, bei einer Erkältung ein Antibiotikum verschrieben zu bekommen. Von diesen erklärten aber immerhin 80 Teilnehmer (71 Prozent), dass sie ihrem Arzt vertrauen würden, wenn dieser ein Antibiotikum für überflüssig halte.

Weitere acht Teilnehmer (7 Prozent) wären zwar unzufrieden mit der Entscheidung gegen ein Antibiotikum, würden sie aber akzeptieren. Nur 14 Befragte (12 Prozent) würden die Verschreibung in jedem Fall durchsetzen wollen, und drei Befragte (3 Prozent) würden bei Nichtverordnung zu einem anderen Arzt gehen.

Kollegen haben also praktisch keine Nachteile zu befürchten, wenn sie bei Erkältungen mit Antibiotika zurückhaltend sind. Im Zweifelsfall hat sich außerdem bewährt: Die Patienten bekommen ein Rezept für ein Antibiotikum, das sie nur bei Bedarf einlösen.

Damit haben sie die Möglichkeit, sich bei Verschlimmerung der Symptome das Mittel in der Apotheke zu besorgen, ohne erneut einen Arzt konsultieren zu müssen.

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