Ärzte Zeitung online, 25.03.2014

Neue Fälle Westafrika

Ebola sind die Grenzen egal

Neue Fälle von Ebola: Aus zwei Nachbarstaaten von Guinea wurden Todesfälle gemeldet. In Westafrika geht die Angst vor einer anhaltenden Epidemie um. Hierzulande wird man sich hingegen nicht vor einer Einschleppung sorgen müssen.

Von Denis Nößler

Erste Ebolafälle auch in Liberia

Bekanntes Konterfei: Ein Ebolavirion räkelt sich unterm Elektronenmikroskop.

© Frederick Murphy / CDC

NEU-ISENBURG. In Westafrika gibt es weitere Erkrankungsfälle des hämorrhagischen Ebolafiebers. Ein zunächst aus Kanada gemeldeter Fall eines Mannes, der zuvor in Westafrika war, konnte nicht bestätigt werden. Sämtliche Labortests auf typische Erreger hämorrhagischen Fiebers waren laut WHO negativ.

Das Auswärtige Amt in Berlin warnt derweil dringend vor Reisen in die betroffenen Gebiete. Deutsche Experten wollen in Guinea bei der Bekämpfung der Epidemie helfen - und geben bei der Gefahr einer möglichen Einschleppung nach Deutschland Entwarnung.

Aus Liberia werden derzeit - je nach Quelle der Information - acht bis elf Verdachtsfälle gemeldet. Fünf Patienten seien bereits gestorben, teilte das Gesundheitsministerium in der Hauptstadt Monrovia mit. Betroffen sind Orte an der Grenze im Norden zu Guinea. Dort hält derzeit der erste Ebolavirus-Ausbruch in dieser Region Afrikas die Bevölkerung in Atem.

Das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation WHO für Afrika bestätigte die neuen Verdachtsfälle aus Liberia. Derzeit liefen Untersuchungen, hieß es in einer Mitteilung. Auch aus Sierra Leone werden erste Fälle gemeldet.

Untersucht wird dort nach Angaben der lokalen Gesundheitsbehörde der Tod eines 14-jährigen Jungen, der von einer Reise aus Guinea zurückgekommen war. Auch bei den Fällen in Liberia könnte es sich um Erkrankte handeln, die zuvor in Guinea waren. Beide Länder grenzen an die von der Ebolaepidemie betroffenen südlichen Regionen Guineas - Kissidougou, Guekedou, Manceta und Nzerekore.

Genaue Angaben zu den Patientenbeziehungen und möglichen Indexpatienten liegen bislang jedoch nicht vor. Auch die Meldungen von Fallzahlen sind mit Vorsicht zu genießen, da sie teilweise von lokalen Medien unter Berufung auf Krankenhäuser, Pflegepersonal oder Betroffene berichtet werden.

Nach offiziellen Angaben der WHO wurden bis zum Montag 86 Fälle von hämorrhagischem Ebolafieber aus Guinea gemeldet. 59 Betroffene sind gestorben. Laborbestätigt waren in Guinea zunächst sechs von sieben Blutproben. Weitere Fälle wurden aus der Hauptstadt Conakry gemeldet, jedoch ohne letztgültigen Ebolanachweis.

Erste Gensequenzierungen der sechs Labornachweise deuten darauf hin, dass es sich um den Zaire-Subtyp handelt. Er wurde erstmals 1976 im heutigen Kongo nachgewiesen. Seine mittlere Letalität von 80 Prozent liegt über der jetzt von der WHO berichteten Letalitätsrate von 68,5 Prozent.

Unter den jetzigen Opfern aus den Regenwaldregionen in Guinea befinden sich zudem vier Pflegekräfte, was auf nosokomiale Übertragungen und auf die unzureichende Hygiene vor Ort deutet. Dieses Bild deckt sich mit früheren Ebolaepidemien, bei denen immer wieder auch Ärzte und Pflegekräfte erkrankt und gestorben waren.

Das ursprüngliche Reservoir des Virus ist bislang nicht vollständig aufgeklärt. Vermutet wird, dass Fledermäuse der ursprüngliche Wirt sind. Guinea hat mittlerweile den Verkauf und Verzehr der Tiere verboten.

Die Fledermäuse selbst erkranken nicht. Zahlreiche Arten sind auch in den Regenwäldern Äquatorialafrikas verbreitet. Aus den früheren Epidemien im Kongo wurde vermutet, dass sie ihren Beginn durch Kontakt von Mienenarbeitern mit Fledermäusen, die in den Goldmienen leben, genommen haben.

Erkranken an den Filoviren, zu denen auch das Marburgvirus zählt, können jedoch auch nichthumane Primaten. Der Reston-Subtyp etwa scheint sich speziell aerogen unter Affen zu verbreiten und dort eine höhere Letalität zu haben als bei Menschen. Bei Letzteren sorgt er nur für subklinische Infektionen.

Von Mensch zu Mensch werden Ebolaviren vor allem über den Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen, nur gering jedoch per Aerosol. Vor allem in fortgeschrittenen und akuten Erkrankungsphasen scheint die Kontagiosität wegen der hohen Virustiter zu steigen. Im Blut und bei Raumtemperatur bleiben die Viren viele Wochen infektiös, weswegen für den Umgang mit infizierten Patienten in Deutschland etwa strenge Vorschriften gelten.

Zum typischen Erkrankungsbild nach einer Inkubationszeit von zwei bis 21 Tagen gehören plötzlich auftretendes Fieber, Kopfschmerzen, Myalgien sowie Übelkeit und Diarrhöe. Auch die Konjunktiven und der Pharynx zeigen Entzündungssymptome.

Differenzialdiagnostisch muss nach der Anamnese (zum Beispiel eine Reise in ein Endemiegebiet oder Kontakt zu Erkrankten) zunächst eine Malaria ausgeschlossen werden. Der Nachweis von Ebola und Ausschluss anderer viraler hämorrhagischer Erreger erfolgt schließlich im Labor etwa durch ELISA, (RT-)PCR oder Virusanzucht.

Etwa eine Woche nach dem Erkrankungsbeginn treten bei einigen Patienten Exantheme auf. Relativ häufig entwickeln sich Schleimhautblutungen. Allerdings gibt es auch Fälle ohne die typische hämorrhagische Verlaufsform. Auch die Nieren sind oft betroffen - relativ häufig sind eine Proteinurie und Oligurie, bis hin zum Nierenversagen.

Labordiagnostisch zeigen sich in den meisten Fällen eine Leukopenie und eine Thrombozytopenie. Die Serumspiegel der Transaminasen GOT und GPT steigen als Folge der fortschreitenden Leberzellschädigung an.

Der größte Teil der Patienten stirbt schließlich an den Folgen eines kardiopulmonalen Schocks. Kausale Therapien stehen bislang noch nicht zu Verfügung. Auch der Polymeraseinhibitor Ribavirin zeigt keine Wirkung. Erkrankte werden supportiv und symptomatisch behandelt.

Dass die jetzige Ebolaepidemie in Westafrika Auswirkungen auf Europa hat, erwarten Experten derweil nicht. Denkbar sei jedoch, dass sich EU-Bürger, die sich vor Kurzem in der Region aufgehalten haben, infiziert haben könnten, schreibt die europäische Seuchenkontrollbehörde ECDC in einer Risikobewertung (ECDC 2014; Rapid Risk Assessment Ebola). Diese Bürger könnten bereits wieder in ihrem europäischen Heimatland sein und noch symptomfrei sein.

Auch ließe sich grundsätzlich nicht ausschließen, dass Touristen, Familienangehörige oder medizinisches Hilfspersonal das Virus mitbringen könnte, oder das Erkrankte in einem EU-Staat medizinische Hilfe suchen. Allerdings sei das Risiko für eine Einschleppung von Ebola derzeit "gering", so die ECDC.

Ähnlich sieht es auch der Tropenmediziner Dr. Jakob Cramer vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut (BNI). "Die Chance ist aus meiner Sicht sehr, sehr gering", sagte der Arzt am Dienstagabend der Nachrichtenagentur dpa. "In Deutschland hat es noch nie einen Fall gegeben." Tatsächlich verzeichnet die SurvStat-Datenbank des Robert Koch-Instituts (RKI) keinen einzigen Ebolafall hierzulande.

Das BNI ist neben der Uni Marburg das zweite nationale Referenzzentrum für virale hämorrhagische Fieber (VHF) und betreibt als Kompetenzzentrum eine 24-Stunden-Ambulanz für hochkontagiöse Krankheiten.

Zwei Virologen des BNI sind am Dienstag nach Guinea gereist, um dem dort tätigen Expertenteam der WHO bei der Bekämpfung der Epidemie zu helfen. Im Gepäck haben sie spezielle Diagnostikgeräte zur molekulargenetischen Aufklärung der Erreger.

Käme tatsächlich ein an dem Ebolafieber erkrankter Patient mit dem Flugzeug nach Deutschland, würden hierzulande zahlreiche Maßnahmen greifen. Nach den Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) müssen etwa die fünf größten deutschen Flughäfen für solche Krankheiten gewappnet sein. Dazu zählen neben geeigneten Behandlungskapazitäten und dem Personal auch Quarantäne- und Entseuchungseinrichtungen. Zudem müssen Notfallpläne existieren.

Bereits beim Verdacht auf eine Ebolainfektion müsste der Fall nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) an das Gesundheitsamt und das RKI gemeldet werden. Die lokale Behörde würde dann weitere Schritte einleiten und koordinieren.

Die Behandlung sollte schließlich an einem spezialisierten Behandlungszentrum erfolgen. Derer gibt es in Deutschland neun - neben dem BNI an der Charité, in Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig, München, Saarbrücken, Stuttgart und Würzburg. Dort können die Patienten in Isolierstationen abgeschottet werden.

Die Ärzte dort verfügen über die nötige Ausrüstung und Erfahrung zur Behandlung hochansteckender Krankheiten. Eine Übersicht der Kliniken bietet das RKI auf seiner Website. Die Zentren sind Mitglied in dem Zusammenschluss StAKoB.

Erstbehandelnden Ärzten wird bei Patienten mit Verdacht auf virales hämorrhagisches Fieber (Fieber und Reiseanamnese) sofortiger Schutz empfohlen - idealerweise mit Plastikschürze, Schutzkittel, FFP3-Maske, Augenschutzbrille, Kopfhaube und Nitrilhandschuhen (Med Welt 2001; 52: 126). Zudem muss der Bereich um den Patienten abgesperrt werden. Die Devise lautet: so wenig Kontakt wie möglich. Alle Personen, die Kontakt zum Patienten haben, müssen namentlich erfasst werden.

Spätestens nach dem Ausschluss einer Plasmodieninfektion (anhand des "dicken Tropfens" Blut unter dem Mikroskop) sollte eines der neun Behandlungszentren telefonisch hinzugezogen werden. Auch Blutproben für die virale Diagnostik sollten bereits genommen werden - unter Berücksichtigung der bekannten Sicherheitsempfehlungen. Nicht zu vergessen ist freilich die Meldung an das Gesundheitsamt und das RKI.

Ist der Patient transportfähig, sollte er in das Behandlungszentrum transportiert werden. Gesundheitsamt und die Klinik organisieren dies für gewöhnlich. Idealerweile kommen dafür die speziellen Infektionsrettungswagen (I-RTW) zum Einsatz, die einige Feuerwehren und Rettungsdienste in Deutschland vorhalten. Die Leitstellen wissen üblicherweise, wo ein solches Fahrzeug verfügbar ist.

Muss der Patient allerdings sofort behandelt und kann nicht zuerst verlegt werden, empfehlen die Experten den Vor-Ort-Kliniken das "Barrier Nursing". Das Krankenhaus muss dann sicherstellen, dass der Patient "abgesondert" behandelt werden kann, eine Schleuse zum Behandlungszimmer eingerichtet und die nötigen Hygienempfehlungen umgesetzt werden.

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