Ärzte Zeitung, 01.08.2014

Ebola

Wie ein Berliner Arzt in Westafrika kämpfte

Für den Berliner Internisten Dr. Maximilian Gertler hat Ebola in Westafrika viele Gesichter. Er war für "Ärzte ohne Grenzen" in Guinea und kennt die Schicksale hinter den Totenzahlen.

Von Ulrike von Leszczynski

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Dr. Gertler in Guinea.

© Ärzte ohne Grenzen / dpa

BERLIN. Wenn die Erinnerungen an Guinea kommen, dann sieht Dr. Maximilian Gertler einen sechsjährigen Jungen vor sich. Das Kind trägt seinen Bruder zum Behandlungszentrum der "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) in Westafrika.

Der kleine Patient ist gerade mal vier Monate alt. Es gibt niemanden, der ihn sonst zu den Helfern bringen kann - oder will. Die Eltern der Brüder sind schon an der Ebola-Viruskrankheit gestorben.

Das Baby wird Tage später sterben. Und Gertler kann nur hoffen, dass das Dorf den gesunden Sechsjährigen wieder aufnimmt. Die Erkrankung verbreitet Panik und stigmatisiert jene, die sie nicht hinwegrafft.

Gertler, 39, ist Internist und Notarzt. Er arbeitet am Robert Koch-Institut (RKI) und engagiert sich bei MSF. Fünfmal war er in Afrika. Doch niemals war die Lage so angespannt wie nun, zuerst in Guinea, inzwischen auch in Sierra Leone und Liberia.

Die einzigen Gegenmittel sind Aufklärung der Bevölkerung, Isolierung der Kranken und die hartnäckige Überwachung aller Menschen, die mit Patienten Kontakt hatten. "Wir müssen bis in das hinterste Dorf", sagt Gertler.

Mitte der Woche ist der Arzt nach drei Wochen in Guinea zurückgekommen. Im Gedächtnis hat er Lebensgeschichten wie die des Mannes, der in nur vier Wochen seine beiden Ehefrauen und vier Kinder verlor. Nur ein siebenjähriger Sohn überlebte.

Aufklärung ist in Westafrika eine Herausforderung. Viele Straßen sind schlecht, die Wege weit, die Mythen groß. Einheimische müssen Analphabeten erklären, was ein Virus ist. Sie stoßen an Kulturgrenzen.

Wie sollen sie trauernden Angehörigen erklären, dass sie ihre Toten nicht berühren dürfen und nicht waschen, wie es Tradition ist? Was muss es für Emotionen auslösen, wenn ein Dorf seine Toten in Leichensäcken zurückbekommt?

"Manche nennen unser Zentrum Todeslager", sagt Internist Gertler. An einige Dörfer kommen die Helfer nicht mehr heran, die Anfeindungen sind zu groß. Und die Patienten sehen nur Mondmenschen: Ärzte und Pfleger in Schutzanzügen, Gummistiefeln und drei Paar Gummihandschuhen.

Die Überlebensraten in den fünf MSF-Camps im Ausbruchsgebiet liegen im Moment im Durchschnitt bei bis zu 60 Prozent. Frauen infizieren sich häufiger, haben die Ärzte festgestellt, womöglich wegen der Pflege.

Gertler wusste von Anfang an, wie gefährlich das Ebola-Virus ist. Für ihn war es keine leichte Entscheidung, nach Guinea aufzubrechen. "Ich habe gehörigen Respekt vor Ebola", sagt er. "Aber da war auch das Wissen, dass alle Kollegen sich bisher effektiv schützen konnten. Es geht also."

Gertler hat zwei Kinder, drei und fünf Jahre alt. Seine Frau sei wenig begeistert gewesen von seinem Einsatz, räumt er ein. Er ist trotzdem gefahren, hat Urlaub dafür genommen. Mit der Lust auf Heldentum habe das überhaupt nichts zu tun, ergänzt er. "Dann noch eher mit Lust auf wirklich Arztsein."

Mit Wartezimmer und OP hat Arztsein in Guinea wenig zu tun. "Wir rennen der Epidemie ständig hinterher, wir jagen Ebola", berichtet der Berliner Arzt. Noch Wochen nach einem Infektionsfall besuchen die Helfer die betroffenen Dörfer.

Dringt ein Gerücht über Erkrankte oder Verstorbene ins Behandlungszentrum, schwingen sich Helfer aufs Motorrad und rasen manchmal quer durch den Regenwald auch in dieses Dorf. Doch die Region besteht nicht nur aus abgelegenen Orten. Viele Menschen reisen in die dicht besiedelten Städte.

"Wir brauchen mehr internationale Hilfe und mehr Überwachung", sagt Gertler. Manchmal überwältigt ihn das Ohnmachtsgefühl. "Warum entwickelt niemand einen Impfstoff gegen Ebola statt des zwanzigsten Cholesterinsenkers?", fragt er dann.

Maximilian Gertlers Frau mailte ihm besorgt die Nachricht vom Ebolatod eines US-Kollegen, der eine Klinik in Liberia geleitet hat. Anfang der Woche starb auch Dr. Sheik Umar Kahn. Der 39-Jährige galt in Sierra Leone als Nationalheld und als Experte bei Ebola. Mindestens 100 Patienten hatte er behandelt.

Er steckte sich an, am Ende konnten auch "Ärzte ohne Grenzen" nichts mehr für ihn tun. "Wir bleiben trotzdem", sagt Mariano Lugli von MSF. "Wir stellen uns auf weitere zwei bis sechs Monate ein." (dpa)

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