Ärzte Zeitung, 01.10.2014

Kritik an WHO

Zu spät, zu zögerlich, zu unentschlossen

Die WHO und westliche Staaten wie Deutschland geraten wegen ihrer unzureichenden Reaktion auf Ebola zunehmend in die Kritik.

NEU-ISENBURG. Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" (Médecins Sans Frontières, MSF) hatte bereits im März öffentlich gewarnt, dass sich Ebola seit Dezember 2013 in Guinea unkontrolliert ausbreite. Während Helfer der Organisation von einer Epidemie nie dagewesenen Ausmaßes sprachen, schätzten Experten der WHO die Gefahr zunächst als gering ein.

Erst fünf Monate nach Ausbruch der Krankheit, da sich auch in Guineas Nachbarländern Sierra Leone und Liberia immer mehr Menschen mit dem Ebola-Virus infiziert hatten, rief die WHO am 8. August 2014 den Internationalen Medizinischen Notstand aus und erklärte eine Woche später, dass das tatsächliche Ausmaß des Ausbruchs weit größer sei, als die Zahl der Todesopfer vermuten lasse.

Der Weg des Ebola-Virus in Westafrika

Die Ebola-Epidemie in Westafrika sorgt für Tausende infizierte Menschen - und Tausende Tote. Der Ausbruch geht auf ein zweijähriges Mädchen zurück. Zur Chronologie des Ausbruchs.

"Ungeachtet von Anforderungen durch ,Ärzte ohne Grenzen‘ ist die WHO nicht vor Juli aufgewacht", kritisierte der belgische Mikrobiologe Dr. Peter Piot, der das Ebola-Virus 1976 im damaligen Zaire mit entdeckte, in der Pariser Zeitung "Libération".

"Inzwischen hat sie die Führung übernommen, aber das kam spät." Die Kritik am zögerlichen Vorgehen der WHO teilen selbst enge Mitarbeiter. Dr. Petra Dickmann, ehemalige Mitarbeiterin des Robert Koch-Instituts im Zentrum für Biologische Sicherheit und Beraterin der WHO, monierte im ARD-Politmagazin "Report Mainz", dass die Weltgesundheitsorganisation, statt das Personal in den betroffenen Ländern aufzustocken, sogar "relativ zügig wieder Personal abgezogen" habe. "Und das war mit Sicherheit ein Fehler."

"Nichts passiert"

Viele Helfer von "Ärzte ohne Grenzen", die die meisten Ebola-Patienten in den Krisenländern behandeln, sind frustriert und fühlen sich nicht nur von der WHO, sondern von der Staatengemeinschaft im Stich gelassen. "Wir reden seit Monaten darüber, dass mehr gemacht werden muss", so Florian Westphal, Geschäftsführer von MSF Deutschland. "Aber nichts passiert."

Bis heute mangele es "an dem deutlichen Willen der Staaten, vor allem auch der westlichen Staaten, die Mittel hätten, die Experten hätten, diese wirklich auch zur Verfügung zu stellen."

In die gleiche Kerbe schlägt der Präsident der Weltbank Jim Yong Kim, der die Reaktion des Westens auf die Ebola-Epidemie als "verheerend unzulänglich" bezeichnete und die wohlhabenden Länder dringend dazu aufforderte, den betroffenen Staaten beizustehen.

"Zehntausende Menschenleben, die Zukunft der Region und schwer erkämpfte wirtschaftliche wie medizinische Fortschritte für Millionen von Menschen hängen in der Schwebe."

Für unzulänglich halten viele auch das Engagement Deutschlands im Kampf gegen Ebola. "Ich bin mir nicht sicher, dass man sich hier in Berlin des Ausmaßes dieser Krise wirklich bewusst geworden ist", sagte MSF-Geschäftsführer Westphal.

Noch mit mehr Infizierten und Toten zu rechnen

Der angekündigte Transport einer Krankenstation in das Krisengebiet etwa sei ohne Personal wirkungslos. Dr. Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender der deutschen MSF-Sektion, begrüßte zwar, dass sich Deutschland endlich an der internationalen Hilfe für Ebola-Länder beteilige, nannte den Transport des Feldlazaretts aber nur einen allerersten Schritt. "Er wird natürlich nicht ausreichen", so Stöbe.

"Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Epidemie noch weiter ausdehnt, dass es noch sehr viel mehr Infizierte und Tote gibt. Es gilt jetzt, international alles zu mobilisieren. Da wird auch die deutsche Regierung noch mehr möglich machen müssen als das, was bisher besprochen wurde."

Manche Experten wie die Ärztin Dr. Gisela Schneider, Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm), glauben, dass die Staatengemeinschaft im Kampf gegen Ebola schon viel früher versagt habe.

Bereits nach den ersten größeren Ausbrüchen in der Demokratischen Republik Kongo (1995) und in Uganda (2000) hätte die Forschung intensiviert und staatlich gefördert werden müssen. "Nun braucht es so eine furchtbare Epidemie, damit auch mehr öffentliche Gelder zur Verfügung stehen." (Smi)

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