Ärzte Zeitung, 30.05.2007

Bei hoher Viruslast ist Hepatitis-B-Therapie nötig

Paradigmenwechsel beim Start der antiviralen Therapie / Hausärzte haben Schlüsselrolle für die Früherkennung

BERLIN (hub). Eine halbe Million Menschen in Deutschland sind chronisch mit Hepatitis-B-Viren (HBV) infiziert. Unbehandelt bekommt jeder Dritte davon Leberzirrhose oder Leberkrebs. Doch nur 10 bis 20 Prozent der HBV-Infizierten sind bekannt. Eine doppelte Schlüsselrolle haben Hausärzte: bei der Prävention und bei der Diagnose.

Hepatitis-B-Viren - hier unter dem Elektronenmikroskop - zerstören die Hepatozyten und können Zirrhose und Leberkrebs verursachen. Foto: Gerlich, Uni Gießen

Hausärzte und Pädiater impfen gegen Hepatitis B und schützen so die Impflinge vor Infektion und Leberkrebs. "Die Hepatitis-B-Impfung ist die erste Impfung gegen Krebs", sagte Professor Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Erfolg der Impfung sei eindrucksvoll in Taiwan sichtbar. Seit 20 Jahren werde dort gegen Hepatitis B geimpft, das hepatozelluläre Karzinom (HCC) sei praktisch eliminiert.

Meist stellen Hausärzte bei Patienten erhöhte Leberwerte fest. "Dann lohnt immer ein Test auf Hepatitis B", so Manns. Denn nur entdeckte HBV-Infizierte können überwacht werden, und wenn nötig kann eine Therapie starten.

Behandlung soll Progression der Hepatitis B bremsen

Hauptziel der Therapie sei dann die Progressionshemmung, um eine Zirrhose mit Dekompensation und ein HCC zu verhindern. Schon ab einer Viruskonzentration über 104 Kopien/ml ist das Leberkrebs-Risiko deutlich erhöht, so Manns bei einer Veranstaltung von Novartis und Idenix in Berlin.

"Daher habe es auch einen Paradigmenwechsel für den Start der Therapie gegeben", sagte Professor Stefan Zeuzem vom Uniklinikum Frankfurt am Main. Nicht mehr die Transaminase-Werte, sondern Kopienzahl an HBV-DNA im Serum bestimme den Therapiebeginn. "Mehr als 104 Kopien/ml sind das Signal für den Therapiestart", so Zeuzem. Bei einem Basenanalogon - etwa Telbivudin (Sebivo®) - erfolgt nach 12 Wochen eine erste Kontrolle. Ist die Viruskonzentration dann nicht auf ein Zehntel gefallen, liege das meist an mangelhafter Compliance.

Weitere Therapie hängt von der Viruskonzentration ab

Nach 24 Wochen entscheidet sich der weitere Therapieverlauf: Liegt die Kopienzahl unter 300 (vollständiges Ansprechen) wird weiter therapiert und alle sechs Monate kontrolliert. Bei 300 bis 104 Kopien (partielles Ansprechen) wird ein zweites Analogon hinzugegeben, ebenso bei mangelhaftem Ansprechen (mehr als 104 Kopien). Eine Kontrolle erfolgt alle drei Monate. Dieses Therapieschema erhalte derzeit jedoch nur jeder vierte bis fünfte Patient, so Zeuzem.

Bei Patienten mit partiellem Ansprechen nach Woche 24 dürfe mit einem zusätzlichen Analogon nicht gewartet werden, bis die Kopienzahl erneut über 104 liege. "Dann spricht nur noch jeder zweite auf die Therapie an, sonst jedoch jeder Patient", so Zeuzem.

STICHWORT

Hepatitis B

Prävalenz: Weltweit tragen 300 bis 420 Millionen Menschen das Hepatitis-B-Virus (HBV) chronisch in sich. In Europa wird die HBV-Prävalenz auf 0,1 Prozent im Nordwesten, und auf 8 Prozent in Ost- und Südeuropa geschätzt. Nur jeder zehnte bis fünfte weiß von seiner chronischen HBV-Infektion.

Folgen: Bei uns kommt es zu etwa 5300 Leberkrebs-Neuerkrankungen pro Jahr. Mehr als die Hälfte dieser Patienten haben eine chronische Hepatitis B oder C. (eb)

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