Ärzte Zeitung, 18.02.2005

Infektiologe ist für die Pneumokokken-Impfung

Impfung aller Kinder kann die Rate invasiver Infektionen drastisch reduzieren / Resistenzrate wird auch gebremst

KÖLN (hsr). Allen Kindern in Deutschland sollte künftig die Pneumokokken-Impfung empfohlen werden. Das wünschen sich die meisten deutschen pädiatrischen Fachgesellschaften (wir berichteten). Mit dem Schutz ließe sich nicht nur die Rate invasiver Infektionen mit dem Keim drastisch senken. Darüber hinaus würde auch die Entstehung von Antibiotika-Resistenzen bei Pneumokokken gebremst, wie Erfahrungen in Frankreich und den USA belegt haben.

Jetzt pikt es. Doch die Pneumokokken-Impfung schützt den Säugling vor invasiven Infektionen wie Pneumokokken-Pneumonie oder -Meningitis. Foto: Klaro

Streptococcus pneumonia gehört in Deutschland - zusammen mit Influenzaviren - zu den häufigsten potentiell tödlichen Infektionserregern, gegen die es Impfschutz gibt. Darauf wies Professor Ralf René Reinert vom Nationalen Referenzzentrum für Streptokokken (NRZ) in Aachen hin. So sterben nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts jährlich 4000 bis 8000 meist ältere Menschen an den Folgen einer invasiven Pneumokokken-Infektion wie Pneumonie, Meningitis oder Bakteriämie. Allen Menschen ab 60 Jahren und chronisch Kranken wird in Deutschland daher zum Impfschutz geraten.

Nach Angaben von Reinert wird jedes Jahr der Tod von etwa 20 Kindern unter fünf Jahren durch invasive Infekte mit dem Keim registriert. Etwa 21 Kinder werden durch solche Infektionen dauerhaft schwer hörgeschädigt und weitere 24 bekommen bleibende neurologische Schäden.

Hinzu kommt, daß Pneumokokken zunehmend gegen Antibiotika resistent werden. So seien inzwischen bis etwa 30 Prozent der in Deutschland isolierten Pneumokokken resistent gegen Makrolide, in Frankreich sogar bis zu 60 Prozent, sagte Reinert bei einer vom Unternehmen Wyeth unterstützten Veranstaltung in Köln. Bis zu zehn Prozent der Pneumokokken seien in Deutschland zudem resistent gegen Penicillin (in Frankreich bis zu 50 Prozent).

Bei Kleinkindern empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland die Pneumokokken-Impfung nur als Indikationsimpfung, etwa für Frühgeborene, bei Immundefekten oder bei Gedeihstörungen. Der Aachener Infektiologe spricht sich jedoch für eine generelle Impfempfehlung für Kinder aus. Für Kinder bis zum zweiten Lebensjahr gibt es hierfür zur Zeit nur die Pneumokokken-Konjugatvakzine Prevenar®.

Der Impfstoff schütze zu 97 Prozent vor invasiven Infektionen durch die sieben von der Vakzine abgedeckten Erregertypen, berichtete Reinert. Das belegten die Ergebnisse der US-Zulassungsstudie mit über 37 000 Säuglingen. Mit Einführung der Konjugat-Vakzine als Regelimpfstoff in den USA und Frankreich sei in diesen Ländern nicht nur die Zahl der Pneumokokken-Infektionen rückläufig, sondern auch die Rate der Antibiotika-Resistenzen.

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