Ärzte Zeitung, 27.09.2006

HINTERGRUND

Kinderärzte sehen sich bei der Impfberatung häufig alleingelassen - hier sind auch andere Akteure gefragt

Von Dirk Schnack

Vorab die positive Nachricht: Die Impffreudigkeit steigt. Dies zeigen Daten der bundesweiten Schuleingangsuntersuchungen aus den Jahren 1996 und 2000/2002, die das Robert-Koch-Institut jüngst vorgestellt hat. Allerdings haben Masern-Ausbrüche in diesem Jahr wieder gezeigt, daß die Durchimpfungsraten in einzelnen Regionen zu wünschen übrig lassen.

Impfrate bei Schulanfängern ist gestiegen

Anteil der geimpften Erstkläßler in Deutschland in Prozent

Impfungen

1996

2000 bis 2002

Diphtherie

93,9

96,4

Tetanus

94,1

96,6

Pertussis

34,5

86,7

Hib

54,7

87,3

Poliomyelitis

93,5

94,6

Hepatitis B

  7,8

67,6

1. Masern

86,6

91,3

1. Mumps

81,1

91,1

1. Röteln

68,3

87,3

Quelle: Robert Koch-Institut (Hrsg.): Schutzimpfungen. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 1. Berlin 2004.

Daten von Schuleingangsuntersuchungen zeigen, daß die Impfraten bei Diphtherie-, Tetanus- und Polioimpfungen zwischen 1996 und 2000/2002 gestiegen sind.

Das hat Gründe: Eltern, die impfkritisch sind, finden auf einschlägigen Internetseiten schnell die Bestätigung ihrer Vorurteile. Da wird von Ärzten berichtet, die angeblich Impfschäden verschweigen, von Behörden, die aktuelle Impfrisiken verheimlichen. Und es ist die Rede von "alternativen Vorsorgemaßnahmen", deren Nutzen nur noch nicht systematisch erforscht werden konnte.

Spätestens bei diesem Punkt schwingt der unausgesprochene Vorwurf mit, daß so etwas wie eine "Impflobby" sich verschworen hat, um alle Risiken des Impfens totzuschweigen. Wer so indoktriniert in die Praxis eines Kinder- und Jugendmediziners kommt, reagiert auf Ratschläge des Arztes immun. Andere sehen zwar ein, daß ein Impfschutz sinnvoll ist - aber nur für die anderen. Man selbst fühlt sich geschützt, weil alle anderen sich impfen lassen.

Pseudowissenschaftliche Ratgeber beeinflussen Eltern

Wenn Dehtleff Banthien an solche Eltern gerät, reagiert er gereizt. Denn der Vorsitzende des Verbandes der Kinder- und Jugendmediziner in Schleswig-Holstein beobachtet seit Jahren, daß Eltern immer wieder auf "pseudowissenschaftlich verquaste Ratgeber" hereinfallen. Auch Angehörige von Berufsgruppen wie Hebammen oder Erzieher beeinflussen nach seinen Erfahrungen Eltern häufig durch eine impfkritische Haltung.

Und nicht jeder Arzt tritt so konsequent für das Impfen ein wie etwa Banthien. So gibt es im schleswig-holsteinischen Kreis Plön seit Jahren eine deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegende Impfrate. Dietmar Katzer, Vorsitzender der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung im Norden, vermutet: "In der Region muß es auch impfkritische Ärzte geben."

Auf einer Veranstaltung während einer Impfkampagne im Norden fühlte sich Katzer bestätigt. Nicht einmal 50 teilnehmende Ärzte, Apotheker und Angehörige anderer Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen hatten sich in Plön eingefunden, um dort mit Fachleuten zu diskutieren. Katzer.

"Ich hätte mir mehr Resonanz erhofft." Warum in manchen Regionen wie Plön die Impfmotivation deutlich geringer ausgeprägt ist als im Durchschnitt, können die Fachleute nur ahnen - vielleicht sind die Impfgegner in diesen Regionen besonders engagiert. Im Kieler Gesundheitsministerium hat man einen weiteren Grund für geringe Impfmotivation ausgemacht: Bei einer hohen Durchimpfungsrate verblassen die Erfahrungen mit den Erkrankungen.

Karlheinz Müller aus dem Ministerium hat beobachtet: "Die Bedrohung wird nur noch als abstrakt und historisch empfunden." Er setzt im Kampf gegen Impfmüdigkeit besonders auf Mediziner: "Die Beratung der Ärzte ist der Schlüssel." Die Ständige Impfkommission (STIKO) gibt hierfür folgende Empfehlungen:

  • Konsequente Impfberatung nach den aktuellen STIKO-Empfehlungen,
  • einfühlsame und sachliche Aufklärung über Impfreaktionen,
  • kontinuierliche Überprüfung des Impfstatus der Patienten,
  • regelmäßige Fortbildung in Impffragen.

Allerdings dürfen niedergelassene Kinder- und Jugendärzte, wenn es um das Impfen geht, nicht alleingelassen werden. Banthien fordert von Politikern Investitionen, um Eltern besser zu informieren und zu motivieren. Hebammen, Erzieher und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes sieht er bei der Aufklärung und Information genauso gefordert wie die Krankenkassen.

Von Kassenvertretern erhofft er sich zudem, daß sie Eltern gezielt zu Impfungen einladen. Möglich ist seiner Meinung nach auch, etwa bei Säuglingsimpfungen eine Bonusregelung wie beim Zahnersatz einzuführen. Gesundheitspolitiker könnten diese Maßnahmen zudem mit Medienkampagnen etwa für ein nationales Impfprogramm begleiten. Diese Investitionen wären nach seiner Ansicht gut angelegt: "Impfungen haben ein außerordentlich gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis."

Impfkampagne im Norden zeigt erste Erfolge

Trotz der manchmal negativen Erfahrungen von Kinder- und Jugendärzten zeigen die Bemühungen im Norden erste Erfolge. Beispiel Hepatitis B: Die landesweite Durchimpfungsrate lag im Jahr 2000 bei Kindergartenkindern noch bei durchschnittlich 75 Prozent, fünf Jahre später bei 90 Prozent. Bei der ersten Masernimpfung hatten im vergangenen Jahr alle Kreise eine Durchimpfung von mehr als 90 Prozent bei Schulanfängern erreicht. Daß in diesem Jahr erstmals wieder die Zahl der Masernerkrankungen (66 Fälle in Schleswig-Holstein) zugenommen hat, führen Ärzte auf die noch zu schwache Rate bei der Zweitimpfung zurück.

FAZIT

Kinder- und Jugendärzte, die Eltern zur Impfung ihrer Kinder motivieren wollen, stoßen trotz aller Informationskampagnen nach wie vor auf Vorbehalte. Dehtleff Banthien, Vorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendmediziner in Schleswig-Holstein, verlangt daher größere Anstrengungen von Politikern, Hebammen, Erziehern, Ärzten im ÖGD sowie von Krankenkassen. Allerdings zeigt die Impfkampagne im Norden bereits erste Erfolge: Die Durchimpfungsraten sind in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen.

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Impfen - nicht nur Ärzte sind gefragt

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