Ärzte Zeitung, 04.10.2006

HINTERGRUND

"Jeden Tag 20 bis 25 Patienten - die Nachfrage nach Grippe-Impfungen in der Praxis ist zur Zeit sehr groß"

Von Hauke Gerlof

"Wir impfen schon seit vergangenen Donnerstag." Seitdem die Chargen mit dem Grippe-Impfstoff freigegeben worden und beim Lieferanten, einer Apotheke vor Ort, angekommen sind, ist in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Karl-Michael Otto und Dr. Rosemarie Hoormann in Warburg im südlichen Westfalen einiges mehr los als an normalen Tagen.

Eine Frau erhält eine Grippe-Schutzimpfung in den Oberarm. Ende der vergangenen Woche hat die Impfsaison in vielen Hausarztpraxen begonnen. Foto: dpa

"Jeden Tag 20 bis 25 Patienten" werden zur Zeit in der Praxis gegen Influenza geimpft, erzählt Allgemeinmedizinerin Hoormann. "Die Nachfrage ist zur Zeit sehr groß." Im Laufe der Saison kommen 400 bis 500 Grippe-Impfungen in der Praxis mit etwa 2000 Kassenpatienten im Quartal zusammen.

Dafür, daß die Impfungen so rege in Anspruch genommen werden, tun die Ärzte und ihr Praxisteam auch einiges: "Wir haben Schilder aufgestellt, daß der Grippe-Impfstoff jetzt da ist, wir rufen Patienten an, die uns darum gebeten haben, sie zu informieren, und wir sprechen Patienten auf Hausbesuchen direkt auf die Grippe-Impfung an", sagt Hoormann. Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen dürften bei der Aufklärung natürlich nicht fehlen.

Späte Lieferung erschwert die Abwicklung in der Praxis

    Impfleistungen werden ohne Abstaffelung bezahlt.
   

Die Abwicklung der Grippe-Impfung ist für Hausärzte in jedem Jahr eine logistische Herausforderung. In diesem Jahr ist es aufgrund der späten Lieferung des Impfstoffs besonders schwierig. "Normalerweise fangen wir so früh wie möglich an, schon im August, wenn der Impfstoff da ist", sagt Hoormann. Jetzt sei es fast schon zu spät, weil die Erkältungszeit schon begonnen habe. Vor allem bei kleineren Kindern sei sie im Fall einer Erkältung sehr vorsichtig und warte lieber, bis alles auskuriert ist.

Weil der Impfstoff in diesem Jahr nur nach und nach komme - bis Mitte Oktober stehen der Praxis 150 bis 200 Impfdosen zur Verfügung, dann wird die nächste Lieferung erwartet -, wird zu Beginn der Impfsaison nicht unbedingt jeder geimpft: "Ich überlege schon, wen ich jetzt impfe", sagt die Hausärztin.

Zuerst kommen auf jeden Fall Personen aus der höchsten Risikogruppe an die Reihe - das sind vor allem Menschen ab 60 und chronisch Kranke, etwa Patienten mit Diabetes, KHK, COPD oder Asthma. Aber auch bei Anfragen von Patienten, die nicht zur Risikogruppe gehören, lehnt Hoormann nur selten ab. "Ich wäge dann ab, aber meistens impfe ich schon, wenn der Wunsch besteht."

Eine hohe Durchimpfungsrate bei Patienten aus Risikogruppen hilft allen Beteiligten: Sie ist politisch erwünscht, Impfungen schützen Patienten vor Infektionen, und sie tragen auch dazu bei, die Praxiseinnahmen zu stabilisieren oder sogar zu steigern. Ein professionell geführtes Recall-System erleichtert es, Patienten, die für eine Impfung in Frage kommen, herauszufiltern und anzusprechen - beim Praxisbesuch oder per Telefon wie in der Praxis Otto/Hoormann in Warburg oder auch per Brief oder kostengünstig per E-Mail.

Meist haben Patienten nichts dagegen, aktiv auf Impfungen - oder auch auf andere Vorsorgeleistungen - angesprochen zu werden, im Gegenteil: Die Bindung zur Praxis wird sogar eher noch gestärkt. Nützlich ist es, Patienten vorab zu fragen, ob sie an Vorsorge-Termine erinnert werden wollen. Am besten geschieht das über eine Einverständniserklärung.

Auch ohne Einverständnis ist eine Erinnerung möglich

Aber auch ohne schriftliches Einverständnis ist ein Recall möglich, wenn die Formulierung so gewählt ist, daß der Patient nicht aufgefordert wird, in die Praxis zu kommen. Unproblematisch seien Formulierungen wie "Es ist wieder Zeit für die Grippe-Impfung. Nehmen Sie einen Arzt Ihrer Wahl in Anspruch. Gerne stehen wir Ihnen für diese Leistung zur Verfügung", empfiehlt zum Beispiel Arzt und Rechtsanwalt Professor Christian Dierks aus Berlin.

Bei Recall-Aktionen kann vor allem die Praxis-EDV gute Dienste leisten. Sie hilft, Patienten, die für die Impfung in Frage kommen, herauszufiltern. Zum Beispiel findet man über die Software alle Patienten mit bestimmten chronischen Erkrankungen (ICD-10-Code!) und alle Patienten, die älter als 60 Jahre sind, ohne Probleme. Serienbriefe, Telefonlisten, E-Mail oder SMS aus der Praxis-EDV heraus beschleunigen dann auch die Abläufe bei der Information der Patienten.

FAZIT

Die Saison für Grippe-Impfungen hat aufgrund der späten Lieferung des Impfstoffs erst jetzt begonnen. Viele Patienten kommen in die Praxen, um möglichst bald eine Impfung zu bekommen. Um eine hohe Durchimpfungsrate zu erreichen, ist ein professionelles Recall-System nützlich. Die Praxis-EDV kann dabei wertvolle Dienste leisten. Mit Impfungen lassen sich auch die Praxiseinnahmen stabilisieren.


STICHWORT

Abrechnung der Grippe-Impfung

Impfleistungen werden nach wie vor außerhalb der Budgets, also ohne Abstaffelung vergütet. Die Kassen bezahlen die Grippe-Impfung bei Patienten aus Risikogruppen (u.a. Alter ab 60 Jahre, chronisch Kranke, pflegende Angehörige). Für Impfungen gibt es keine einheitlichen Ziffern im EBM, diese Ziffern (meist im Bereich 89 000 ff.) liegen im Einflußbereich der KVen. Bei der Abrechnung ist zu beachten, daß der Ordinationskomplex bei Impfungen nicht angesetzt werden kann, wenn nicht auch kurative Leistungen erbracht werden. Bei Privatpatienten kann zusätzlich zur Impfleistung nach Ziffer 375 GOÄ die Beratungsziffer 1 berechnet werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So viel jünger und attraktiver macht Facelifting

Wer sein Gesicht straffen lässt, will in der Regel jünger und dynamischer aussehen. Das scheint tatsächlich zu klappen. mehr »

Niedrig dosiert starten und langsam erhöhen!

Die neue Gesetzeslage zur Verordnung von Cannabis auf Kassenkosten ist beim Schmerz- und Palliativtag begrüßt worden. Ärzte mit Erfahrung mit Cannabinoiden loben vor allem den Erhalt der Therapiefreiheit. mehr »

Obamacare bleibt!

Blamage für US-Präsident Donald Trump: In letzter Minute zogen die Republikaner die Abstimmung über die geplante Gesundheitsreform zurück. Gerade auch, weil die Zustimmung aus den eigenen Reihen fehlte. mehr »