Ärzte Zeitung, 27.10.2006

HINTERGRUND

"Keiner wußte, was los war" - Leben mit dem Post-Polio-Syndrom

Von Bettina Grachtrup

"Schluckimpfung ist süß - Kinderlähmung ist grausam." Mit diesem Slogan wurde in den 1960er und 70er Jahren in Deutschland für Impfaktionen geworben. Dabei bekamen Kinder auf einem Stück Zucker den Wirkstoff gegen Poliomyelitis verabreicht. 2002 erklärte die Weltgesundheitsorganisation Europa zur poliofreien Zone.

Polio-kranke Kinder in Neu-Delhi: In Indien breitet sich das Virus wieder aus. Foto: WHO/P.Virot

Nach Angaben des Bundesverbandes Poliomyelitis leben in Deutschland aber etwa 60 000 Menschen, die die Krankheit vor den Impfaktionen durchgemacht haben. Sie kämpfen bis heute mit den Nachwirkungen, berichtet der Verband im Vorfeld zum diesjährigen Weltpoliotag am morgigen Samstag. Außer schweren Lähmungen kann es zum Post-Polio-Syndrom kommen. Zu den Symptomen gehören außerdem Muskelschwächen, Atemnot und Erschöpfung.

Post-Polio-Syndrom tritt 20 bis 40 Jahre nach der Infektion auf

Margit Lindermann war vier Jahre alt, als sie im Sommer 1952 plötzlich mit einer Lähmung am ganzen Körper aufwachte. "Ich konnte nur noch mit den Augen rollen", erzählt die 58jährige aus Siershahn im Westerwald. Erst erkannten die Ärzte die Krankheit nicht, danach wurde Lindermann lange behandelt. Die Lähmungen verschwanden, doch das rechte Bein war von da an schwächer. "Von außen hat man mir nichts angesehen", sagt sie. In den 90er Jahren bemerkte die Lehrerin schließlich, daß sie über ihren rechten Fuß fiel und ständig "hundemüde" war.

"Kein Mensch wußte, was mit mir los war." Nach langem Rätselraten wurde schließlich ein Post-Polio-Syndrom festgestellt, das erst 20 bis 40 Jahre nach der Kinderlähmung auftreten kann. 1996 gründete Lindermann in Koblenz eine Selbsthilfegruppe.

Patienten mit Post-Polio-Syndrom sollten an spezialisierte Einrichtungen wie die Polio-Ambulanz Bad Ems überwiesen werden. Die Ambulanz in der AOK-Klinik betreut etwa 600 Patienten im Jahr. Die Zahl der Behandlungsbedürftigen in ganz Deutschland schätzt Leiter Dr. Axel Ruetz auf etwa 50 000. Damit sei das Post-Polio-Syndrom zwar eine seltene Erkrankung. Sie sei aber für die Betroffenen schwerwiegend.

"Eine Heilung kann es nicht geben", sagt der Orthopäde. Man könne nur versuchen, den Krankheitsverlauf aufzuhalten und die Folgen zu lindern. Nach einer genauen Diagnose wird für die Patienten ein Behandlungskonzept entwickelt, zu dem Medikamente, Krankengymnastik oder orthopädische Hilfsmittel gehören können.

Das Post-Polio-Syndrom ist eine degenerative Nervenerkrankung. Nach einer durchlittenen Poliomyelitis übernähmen die gesunden Nervenzellen von den abgestorbenen die Kontrolle der Muskulatur, so Ruetz. Wegen der erhöhten Belastung alterten diese Zellen vorzeitig.

Margit Lindermann ging 1999 vorzeitig in Pension und sitzt heute im Rollstuhl. "Ich muß meinen Alltag so organisieren, daß ich regelmäßig Ruhepausen einlege", sagt sie. Sie bekomme viel Unterstützung von ihrem Mann und von Freunden. Trotz des bisherigen Krankheitsverlaufs bleibt sie optimistisch: "Ich hoffe, daß die Verschlechterung langsam voranschreitet."

Orthopäde Ruetz erinnert daran, daß Touristen sich auf Fernreisen, etwa in afrikanischen und asiatischen Länder, mit dem Polio-Virus infizieren können. Das Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf rät deshalb auch, bei Reisenden nach Afrika und Asien den Impfschutz zu überprüfen und notfalls aufzufrischen. Die Impfung gehört auch in Deutschland weiter zum Standard-Impfprogramm für Kinder und Jugendliche. (dpa)

Infos über das Post-Polio-Syndrom gibt es vom Bundesverband Poliomyelitis e.V. auf der Website: www.polio.sh

STICHWORT

Polio-Eradikation

Die Zahl der Polio-Infizierten ist seit 1988 weltweit um mehr als 99 Prozent gesunken - von mehr als 350 000 auf 1951 im vergangenen Jahr. Vor 18 Jahren hatte die WHO die weltweite Ausrottung der Poliomyelitis durch massive Impfkampagnen beschlossen. Damals kam das Virus noch in mehr als 125 Ländern vor, heute ist es nach WHO-Angaben nur noch in vier Ländern heimisch: Afghanistan, Indien, Nigeria und Pakistan. Importierte Poliofälle gibt es jedoch auch in anderen Ländern. Denn das Virus breitet sich wieder aus.

Eigentlich wollte die WHO Polio bis zum Jahr 2005 ausgerottet haben. Dieses Ziel mußte jedoch 2004 aufgegeben werden, nachdem muslimische Geistliche in Nord-Nigeria die Impfkampagnen der WHO gestoppt hatten. Seither grassiert das Virus wieder. In Indien etwa seien in diesem Jahr schon 416 neue Polio-Patienten registriert worden, meldet "Nature" unter Bezug auf das indische Gesundheitsministerium. 2005 gab es in Indien nur 66 neu infizierte Polio-Patienten. (dpa/ug)

Infos zur Polio-Eradikationsinitiative unter: www.polioeradication.org

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