Ärzte Zeitung, 16.07.2007

HINTERGRUND

Ein aktives Impfmanagement in Hausarztpraxen kommt den Bedürfnissen vieler Patienten entgegen

Von Ursula Armstrong

Die Deutschen sind im Vergleich zu Menschen in anderen Ländern relativ impfmüde. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die meisten Patienten sehen Impfungen insgesamt positiv: 77 Prozent würden sich impfen lassen, wenn ihr Hausarzt ihnen das empfehlen würde, hat erst im Mai 2007 eine Umfrage des Instituts TNS Emnid bei 942 Erwachsenen ergeben.

Impfung in der Arztpraxis: Wer Patienten gezielt auf Impflücken anspricht, erhält meist eine positive Resonanz. Foto: Klaro

Entscheidend ist also die Arbeit in der Praxis. Hausärzte, die ein aktives Impfmanagement betreiben, können einen Beitrag leisten für bessere Impfraten. Hier könne jedoch noch einiges verbessert werden, hat Dr. Diethard Sturm, Facharzt für Allgemeinmedizin in Hohenstein-Ernstthal auf einer Veranstaltung des Unternehmens Sanofi Pasteur MSD in Dresden gesagt.

Eine Praxismitarbeiterin sollte gezielt fortgebildet werden

Für ein solches Impfmanagement empfahl Sturm, der auch Stellvertretender Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes ist, zunächst "die Entwicklung eines Marketing-Konzepts im Team". Das Praxis-Team setze sich dazu regelmäßig zusammen, um Ziele zu definieren und ihre Umsetzung in regelmäßigen Abständen zu überprüfen.

Sinnvolle Marketing-Maßnahmen können Aufsteller sein, die an saisonale Impfungen wie die gegen Influenza oder FSME aufmerksam machen. Auch Plakate und Broschüren im Wartezimmer sind sinnvoll. 71 Prozent der Patienten wünschen sich der Umfrage zufolge Infobroschüren zum Mitnehmen.

Im Team besprochen werden sollte auch, wie ein regelmäßiger Impf-Check in die Praxisarbeit etabliert werden kann. So können Mitarbeiterinnen am Telefon zum Beispiel alle neuen Patienten, die einen Termin ausmachen, bitten, ihren Impfausweis mitzubringen - oder auch nur die Patienten, die zu einem Check-up kommen.

Möglich ist auch, bestimmte Patientengruppen auszuwählen und auf eine für sie indizierte Impfung anzusprechen, wenn sie in die Praxis kommen. Über 60-Jährige etwa, für die die Ständige Impfkommission (STIKO) Impfungen gegen Influenza und Pneumokokken-Pneumonie empfiehlt. Oder Frauen zwischen 18 und 45 - denn bei Frauen mit Kinderwunsch rät die STIKO zu einer Impfung gegen Pertussis.

Diese Strategie käme vielen Patienten entgegen. 74 Prozent der von TNS Emnid befragten Patienten würden sich wünschen, bei der telefonischen Terminvereinbarung auf den Impfausweis angesprochen zu werden, berichtete Professor Michael Pietsch von der Universität Mainz.

Wichtiger Bestandteil eines aktiven Impfmanagements ist ein Recall-System: Dazu gehört die systematische Dokumentation aller Impfungen in der Praxis mit den Terminen für eine Auffrischimpfung. An die Auffrischimpfungen werden die Patienten dann regelmäßig erinnert - per Post oder Telefon, bei jüngeren Patienten sind auch E-Mail oder SMS sinnvolle Wege. Eine schriftliche Erinnerung wünschen sich 55 Prozent der Patienten, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage. Patienten müssten aber die Erlaubnis dafür geben. Wer Recalls ohne Einverständniserklärung verschickt, müsse die Erinnerung allgemein formulieren, etwa: "Es ist Zeit für eine Auffrischimpfung. Wenden Sie sich an einen Arzt Ihrer Wahl."

Beim Recall-Management kann die Praxis-EDV wertvolle Dienste leisten, etwa über Serienbriefe. Einige Programme auf dem Markt bieten auch die Möglichkeit, Impfpläne zu erstellen. Allgemeinmediziner Sturm selbst ist mit der EDV-Unterstützung noch nicht zufrieden. Bei der Erfassung des Impfstatus und der fälligen Impfungen sowie bei der Aufdeckung von Impflücken seien noch Wünsche offen. Die Impfdokumentation, wie sie bisher in vielen Programmen laufe, sei miserabel.

Weil die Situation bei der Dokumentation derzeit so "desolat" sei, schlägt der sächsische Hausarzt sogar eine zentrale Meldestelle vor. Durch ein Meldesystem würden alle Impfungen dann zentral erfasst. Allerdings ist sich Sturm im klaren, dass "das zwar ein verlockender Gedanke ist, aber nicht realisierbar".

Sturm wünscht sich außerdem eine Vereinfachung des Impfkalenders. Grundsätzlich plädiert er dafür, Kombivakzinen einzusetzen. Das erleichtere die Impfarbeit in der Praxis nach dem Motto "so viel wie nötig, so einfach wie möglich". Außerdem: "Mehrfachimpfungen sind besser bezahlt als Einfachimpfungen."

Viele Impfleistungen lassen sich an Mitarbeiter delegieren

Impfstrategien sind Teamwork. "Versierte Arzthelferinnen können die Leistungsfähigkeit der Praxis als Impfeinrichtung sichern", so Sturm. Sie könnten nicht nur den Impfstatus erfassen, die Patienten informieren und motivieren, Impflücken aufdecken, den Impfplan erstellen und den Impfpass vorbereiten. Sie könnten auch die Injektionen geben, das sei rechtlich in Ordnung. Zu den rein ärztlichen Aufgaben zählt, die Impfindikation zu stellen, Kontraindikationen zu prüfen, die Patienten aufzuklären, Aufklärung und Impfung zu dokumentieren und unerwünschte Wirkungen zu melden. Besonders wichtig ist natürlich das persönliche Gespräch mit dem Patienten. 67 Prozent der von TNS Emnid Befragten setzen vor allem auf die persönliche Ansprache durch ihren Hausarzt.

STICHWORT

Impfhilfen für Hausärzte

Der Deutsche Hausärzteverband hat mit Unterstützung des Unternehmens Sanofi Pasteur MSD Fortbildungen für Hausärzte und Praxispersonal entwickelt. Es werden Seminare veranstaltet. Und es gibt diese Infos auch als Broschüren: "Die Impfbroschüre. Impfmanagement für Arzt und Praxismitarbeiter", "Die effiziente Impfpraxis: Das Praxisteam als Schlüssel zum Erfolg" und "Das 7-Punkte-Programm: Impfen" können kostenfrei bezogen werden bei Circle Comm GmbH, Ober-Ramstädter Straße 96 h4, Wacker Fabrik, 64367 Mühltal.

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