Ärzte Zeitung, 20.09.2007

INTERVIEW

"Ohne Impfungen sollte ein Kind keine öffentliche Schule besuchen dürfen"

Welche Impfungen sind in Deutschland wichtig? Wo gibt es dabei Defizite? Wenn Fragen wie diese in den vergangenen Jahren aufkamen, stand Professor Heinz-Josef Schmitt aus Mainz stets Rede und Antwort. Jetzt legt er sein Amt als Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) nieder. Über Erfolge und Defizite der Impfmedizin sowie künftige Aufgaben sprach er beim Kinderärztekongress in Athen mit Wolfgang Geissel von der "Ärzte Zeitung".

ZUR PERSON

Professor Heinz-Josef Schmitt verlässt die Kinderklinik der Universität Mainz, um für den Impfstoffhersteller Novartis Vaccines & Diagnostics tätig zu werden. Der Pädiater war von 1998 bis Mitte 2007 Vorsitzender der Ständigen Impfkommission.

Ärzte Zeitung: Warum haben Sie das Angebot des Bundesgesundheitsministeriums ausgeschlagen, weiterhin der STIKO anzugehören?

Professor Heinz-Josef Schmitt: Schon zu Jahresbeginn hatte ich mich entschlossen, klinische Studien zu Impfstoffen zu betreuen. Solche Mitarbeit an Studien geht nur in enger Kooperation mit Impfstoffherstellern. Das führt zu Befangenheit und ist daher mit einer Mitgliedschaft in der STIKO nicht vereinbar. Inzwischen habe ich mich entschieden, ganz in die Industrie zu wechseln und für den Impfstoffhersteller Novartis Vaccines und Diagnostics tätig zu werden.

Ärzte Zeitung: Ist die Impfmedizin in Deutschland während Ihrer Zeit bei der STIKO vorangekommen?

Schmitt: Im internationalen Vergleich ist der angebotene Impfschutz in Deutschland sehr gut. Wir verwenden die am besten wirksamen und sichersten Impfstoffe der Welt. Gerade, dass der neue HPV-Impfstoff zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs so rasch nach der Zulassung in den Impfkalender aufgenommen wurde und auch von den Krankenkassen bezahlt wird, ist ein gutes Zeichen. Wir bieten unserer Bevölkerung ein sehr umfangreiches Impfprogramm - und das ist eine Voraussetzung dafür, dass Gesundheit für alle bezahlbar bleibt.

Ärzte Zeitung: Inzwischen bezahlen einige Krankenkassen ihren Mitgliedern ja sogar Reiseimpfungen, und eine Kasse finanziert sogar die Rotavirus-Impfung, die die STIKO bisher noch gar nicht empfiehlt.

Schmitt: Auch das ist sehr erfreulich: Impfungen werden mittlerweile auch als Instrument des Wettbewerbs von Krankenkassen angesehen. Die Kassen wissen natürlich auch, was sie Gutes tun. Wahrscheinlich ist der Rotavirus-Impfstoff kosteneffektiv. Das heißt, die entsprechende Kasse wird im Endeffekt sogar noch Geld sparen, obwohl sie jetzt den Impfstoff bezahlt.

Ärzte Zeitung: Mit welchen Impfungen werden sich Ihre Nachfolger in der STIKO wahrscheinlich in den nächsten Jahren befassen?

Schmitt: Das weiß ich nicht. Mein Wunsch ist die Rotavirus-Impfung speziell, weil wir künftig ja in erheblichem Umfang unseren Nachwuchs in Kinderkrippen schicken werden. Zu sehen ist auch der Zoster-Impfstoff für alte Menschen, der schon zugelassen aber noch nicht verfügbar ist. Nach Studiendaten kann man damit etwa zwei Drittel aller Zosterfälle verhindern. Auch über die generelle Pertussis-Impfung für Erwachsene sollte man diskutieren. In einigen Jahren könnte es auch einen Impfstoff gegen Meningokokken ABCWY geben. Das wäre natürlich für Deutschland ein Gewinn.

Ärzte Zeitung: Weiterhin besteht in Deutschland das Problem mangelhafter Impfraten, besonders bei Masern. Was lässt sich dagegen tun?

Schmitt: Ich stehe klar hinter der Forderung des Berufsverbands der Kinderärzte: "Ohne Impfung sollte ein Kind keine öffentliche Schule besuchen dürfen." Der Grund ist einfach der: Wir schicken alle Kinder zwangsweise in Schulen, auch Behinderte und Kinder, die zum Beispiel wegen einer Kortison-Therapie immungeschwächt sind. Es kann nicht sein, dass diese Kinder von ungeimpften Kindern mit Masern, Keuchhusten, Windpocken oder Hepatitis B angesteckt werden. Wenn der Staat schon Gemeinschaftseinrichtungen für alle Kinder vorsieht, müssen sie dort auch so weit wie irgend möglich vor Krankheiten geschützt werden. Sonst wird der Staat seiner Fürsorgepflicht nicht gerecht.

Ärzte Zeitung: Was aber soll mit Menschen geschehen, die Impfungen generell verweigern?

Schmitt: Wenn Eltern es strikt ablehnen, ihr Kind impfen zu lassen, dann möchte ich auch nicht, dass sie kriminalisiert werden. Aber höchstens ein bis drei Prozent der Menschen in Deutschland lehnen nach einer Umfrage generell Impfungen ab. Mit einem solchen Anteil Ungeimpfter können wir leben - und wären trotzdem die Masern los. Die Einstellung zu Schutzimpfungen muss sich bei uns ändern. Ich habe kürzlich Australien besucht. Dort gibt es keine Impfpflicht. Kinder werden aber mehr oder weniger automatisch bei Vorsorgeuntersuchungen geimpft. Das ist der Standard. Wenn Eltern das nicht möchten, müssen sie aktiv werden, das heißt zum Beispiel Formulare ausfüllen und aufs Amt gehen. In Deutschland ist es umgekehrt, da müssen Eltern aktiv werden, damit ihr Kind geimpft wird. Und wenn sie nichts tun, merkt es in der Regel auch keiner.

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Sollte Impfschutz Voraussetzung für den Besuch einer öffentlichen Schule sein? Das fordert Professor Heinz-Josef Schmitt aus Mainz. Was halten Sie von der Meinung des langjährigen STIKO-Vorsitzenden?


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