Ärzte Zeitung, 21.04.2008

HINTERGRUND

Keuchhusten wird immer häufiger zum Problem von Teenagern und Erwachsenen

Von Lajos Schöne und Wolfgang Geissel

Ob Impfung oder durchgemachter Keuchhusten - der Immunschutz gegen die Erkrankung lässt mit der Zeit nach, eine erneute Infektion ist möglich.

Foto: Imago

Chinesen fürchten ihn als 100-Tage-Husten und auch bei uns dauert er bis zu zwölf Wochen: Kaum eine Krankheit schlaucht Kinder und Eltern so sehr wie der Keuchhusten. Die Attacken bleiben vielen im Gedächtnis: laute, harte, stakkatoartige Hustenstöße, mit denen kranke Kinder besonders nachts den zähen Schleim versuchen loszuwerden.

Für Babys und kleine Kinder ist Pertussis manchmal sogar lebensbedrohlich. Außerhalb von Industrieländern ist es eine sehr gefährliche Infektion: Nach Angaben der Stiftung Kindergesundheit erkranken jedes Jahr bis zu 40 Millionen Menschen daran, etwa 290 000 Kinder sterben. Hierzulande sind Sterbefälle allerdings selten. So wurde 2001 in Deutschland ein Todesfall registriert - der Patient war 77 Jahre alt.

Der Fall zeigt: Keuchhusten darf nicht mehr als Kinderkrankheit angesehen werden, betont die Stiftung aus München. Seit einigen Jahren erkranken immer mehr Jugendliche und Erwachsene. Deshalb müssten auch Schulkinder, Jugendliche und viele Erwachsene geimpft werden.

Keuchhusten-Impfung und die Erkrankung schützen nicht ewig

Die Ständige Impfkommission (STIKO) rät, alle Babys mit Beginn des dritten Lebensmonats dreimal zu impfen. Eine erste Auffrischimpfung ist für den 12. bis 15. Lebensmonat vorgesehen. Einen lebenslangen Schutz gibt es jedoch nicht. "Weder das Durchmachen der Krankheit, noch die Impfung bewirken eine lebenslange Immunität", betont Kinder- und Jugendarzt Professor Berthold Koletzko von der Stiftung.

Berichte aus den neuen Bundesländern bestätigen eine Altersverschiebung. Noch vor 30 Jahren waren über 50 Prozent der Pertussis-Kranken Säuglinge, weniger als fünf Prozent der Kranken über 15 Jahre alt. Heute sind weniger als zwei Prozent der Patienten Säuglinge, aber 70 Prozent Jugendliche und Erwachsene. Die STIKO empfiehlt daher weitere Auffrischimpfungen gegen Keuchhusten im Vorschulalter sowie bei 9- bis 17-Jährigen.

Bei Pertussis gibt es keinen Nestschutz für den Säugling.

In Sachsen empfiehlt die dortige Impfkommission zudem allen Erwachsenen eine Pertussis-Auffrischung alle zehn Jahre. Die STIKO verfolgt bei Erwachsenen hingegen eine Kokon-Strategie: Personen mit engem Kontakt zu Säuglingen, wie Eltern, Großeltern, Tagesmütter, andere Betreuer, sollen geimpft werden - am besten vier Wochen vor der Geburt. Ungeschützte Frauen, die sich ein Baby wünschen, sollten sich am besten schon vor der Konzeption impfen lassen. Wurde das versäumt, wird die Impfung direkt nach der Geburt empfohlen. Geimpft werden soll auch: medizinisches Personal in der Kinderheilkunde und Gynäkologie sowie Mitarbeiter von Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder im Vorschulalter.

Erwachsene gegen Keuchhusten zu schützen, kann schwierig sein. Da es keinen Mono-Impfstoff mehr gibt, kann nur mit Kombi-Impfstoffen mit zusätzlicher Tetanus- und Diphtherie-Komponente (Td) geimpft werden. Zwischen Td-Impfungen sollten aber möglichst fünf Jahre liegen. Ein Ausweg: bei jeder Td-Auffrischung eine mögliche Pertussis-Indikation prüfen und gegebenenfalls mitimpfen, rät die STIKO.

Warum ist Keuchhusten gerade bei Babys so gefährlich? Anders als zum Beispiel bei Masern bekommen Neugeborene für die ersten Lebensmonate keinen Nestschutz gegen Pertussis durch Antikörper der Mutter, so Koletzko. Infizierte Babys husten nicht. Sehr gefährlich sind bei ihnen krankheitsbedingte Apnoen. Die Atmung setzt dabei 15 Sekunden oder länger aus. Durch Sauerstoffmangel im Gehirn kommt es zu Enzephalopathien, die tödlich enden können. Babys mit Keuchhusten-Verdacht gehören unbedingt in eine Klinik, in der Herztätigkeit und Atmung ständig überwacht werden.

Nach Studiendaten wurde knapp jedes zweite Baby, das mit Keuchhusten auf der Intensivstation behandelt werden musste, von den eigenen Eltern angesteckt. Erwachsene kommen oft gar nicht auf den Gedanken, dass sich hinter einem hartnäckigen Husten Pertussis verbergen könnte. Die typischen Attacken fehlen bei Erwachsenen häufig, und der Husten wird oft als Bronchitis fehlgedeutet.

Keuchhusten bei Erwachsenen dauert im Mittel zehn Wochen

Auch Erwachsene mit Pertussis sind erheblich beeinträchtigt. Zehn Wochen dauert im Mittel der Husten. Schlagstörungen und Leistungsschwäche sind die Folge. Jeder vierte Betroffene hat Komplikationen wie Sinusitis, Otitis media oder Pneumonie. Auch Harninkontinenz, Rippenbrüche und Hirnblutungen sind möglich. Die Keuchhusten-Prävalenz bei Erwachsenen wird zudem unterschätzt. Bei über 18-Jährigen, die länger als sieben Tage gehustet, aber keine chronische Atemwegserkrankung hatten, wurde in einer Studie in Hausarztpraxen bei jedem zehnten Pertussis nachgewiesen.

Der Erreger Bordetella pertussis wird ausschließlich mit Tröpfchen übertragen. Tritt in einem Kindergarten, in der Nachbarschaft oder in einer Schule Keuchhusten auf, sollten alle Familien mit Babys gewarnt werden, empfiehlt die Stiftung Kindergesundheit. Geschwister sollten vom Baby ferngehalten werden - auch dann, wenn sie geimpft sind. Geimpfte Menschen sind zwar vor Erkrankung ziemlich sicher geschützt, können aber vorübergehend die Keime beherbergen und übertragen.

FAZIT

Keuchhusten verlagert sich ins höhere Alter. Damit muss die Impf-Strategie überdacht werden. Österreich empfiehlt bereits eine Auffrisch-Impfung alle zehn Jahre, in Deutschland nur Sachsen. Für die Impfung gibt es Kombi-Impfstoffe, mit Tetanus- und Diphtherie-, aber auch Polio-Komponente. (eb)

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