Ärzte Zeitung online, 02.01.2009

"Die Krebsfrüherkennung ist keine Alternative zur HPV-Impfung"

FREIBURG (eb). "Die Unsicherheit um die HPV-Impfung ist auch eine Vertrauensfrage", betonen die Experten des Impfbriefs-online aus Freiburg. "In anderen Bereichen wird dieses Vertrauen gegeben. So werden auch die grundlegenden Sicherheitstests für ein Auto vom Hersteller selbst durchgeführt. (...) Wissenschaftliche Studien sind allerdings viel komplizierter als ein Crash-Test." Im aktuellen Impfbrief wurden daher Fragen und Antworten zur HPV-Impfung zusammengestellt, die wir hier in Auszügen veröffentlichen.

1. Wie groß ist das Problem durch Gebärmutterhalskrebs in Deutschland?

Impfbrief: Jährlich erkranken derzeit etwa 6 200 Frauen in Deutschland an Gebärmutterhalskrebs. Das entspricht einem Anteil von 3 Prozent an allen Krebserkrankungen und 1,7 Prozent an allen Krebssterbefällen bei Frauen. Das Risiko für eine zwanzigjährige Frau während ihres Lebens an einem Zervixkarzinom zu erkranken, beträgt etwa 1 : 100. Im Jahr 2004 sind nach der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes 1 660 Frauen an dieser Erkrankung in Deutschland gestorben. Diese Zahl ist in den vergangenen Jahren etwa gleich geblieben.

2. Wie gut sind aktuelle Vorbeugungsmaßnahmen?

Impfbrief: Im Jahr 1971 wurde der "Pap-Abstrich" als jährliche Screeninguntersuchung aller Frauen ab dem 20. Lebensjahr in Deutschland eingeführt. Die Sterbefälle an Zervixkarzinom konnten seitdem etwa halbiert werden, stagnieren auf diesem Level aber seit einigen Jahren.

Die Frequenz und der Umfang des Angebotes zur Krebsfrüherkennung ist absolute Spitze in Europa, üblich sind ansonsten Vorsorgeuntersuchungen im Abstand von 3 bis 5 Jahren. Wie Professor Heinz Kölbl aus Mainz erläuterte, betrachten jedoch die meisten Gynäkologen und Zytologen in anderen europäischen Ländern die deutsche Praxis kritisch. "Denn trotz dieses Angebots weist Deutschland innerhalb Westeuropas die höchste Mortalität durch das Zervixkarzinom auf. Hauptursache: Im Gegensatz zum Beispiel zu Holland, England und auch zu den skandinavischen Ländern gibt es kein national kontrolliertes Programm. Die jährliche Teilnehmerrate liegt in Deutschland in starkem Maße altersabhängig zwischen knapp 10 und gut 65 Prozent". (...) Der Pap-Test alleine (...) ist keine Alternative zur Möglichkeit der primären Prävention der wichtigsten HPV-Typen durch Impfung.

3. Wie groß ist der Anteil der Zervixkarzinome, der durch HPV verursacht wird?

Impfbrief: Mittlerweile sind mehr als 120 Typen Humane Papillomviren (HPV) bekannt. Grundsätzlich unterscheidet man kutane HPV-Genotypen, die das verhornte Epithel infizieren und so etwa Warzen an den Fingern auslösen, von Mukosa-Genotypen, die die Schleimhäute infizieren. Innerhalb der Gruppe von Mukosa-Genotypen wird wiederum unterschieden zwischen Papillomvirusgenotypen mit hohem Risiko (high-risk) und geringem Risiko (low-risk). Mehr als 99,7 Prozent aller Zervixkarzinome werden durch eine Infektion mit Hochrisiko-HPV-Typen ausgelöst. Die beiden Hochrisiko-HPV-Typen 16 und 18 findet man in etwa 70 Prozent aller Zervixkarzinome. Darüber hinaus sind bisher 13 weitere Hochrisiko-HPV-Typen bekannt, die insbesondere neoplastische Erkrankungen des weiblichen Genitaltraktes (Zervix, Vagina und Vulva) auslösen können (...). Sie sind genetisch relativ eng miteinander verwandt.

4. Wie ist die Wirksamkeit der HPV-Impfungen zu beurteilen?

Impfbrief: Unter idealen Voraussetzungen könnte die HPV-Impfung bis zu 70 Prozent der Zervixkarzinome in Deutschland verhindern, wenn alle Mädchen vor dem ersten Sexualkontakt geimpft würden und die Wirksamkeit der Impfung bei 100 Prozent läge und die Schutzdauer der Impfung unbegrenzt wäre. (...) Ein Szenario, das die Impfbeteiligung mit einschließt (etwa 70 bis 80 Prozent Durchimpfung, davon 70 bis 80 Prozent vor dem ersten Geschlechtsverkehr), resultiert in etwa 40 Prozent verhinderbaren Zervixkarzinomen.

Kasten: Impfbrief-Online

Der elektronische Impfbrief wurde vom ehemalien STIKO-Vorsitzenden Professor Heinz-Josef Schmitt in Kooperation mit dem Institut für medizinische Information in Freiburg gegründet. Es handelt sich um eine Online-Informationsplattform zu aktuellen Impfthemen für medizinische Fachkreise. Die Fachredaktion veröffentlicht alle Themen in Absprache mit dem wissenschaftlichen Beirat, dem unter anderen viele Mitglieder der STIKO angehören. Der Impfbrief-Online ist neutral und als Mitglied des Vaccine Safety Net von der WHO zertifiziert. Diese Auszeichnung besitzt in Deutschland darüber hinaus nur das Robert-Koch-Inistitut und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

www.impfbrief.de

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