Ärzte Zeitung online, 03.03.2009

Stärkere Kontrolle des Impfschutzes gefordert

MAINZ (dpa). Ärzte sollten nach Ansicht des Mainzer Medizin-Professors Fred Zepp den Impfschutz ihrer Patienten stärker kontrollieren. "Impfen ist nicht nur eine Sache für Kinder, sondern auch für Erwachsene", mahnte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin bei einem Gespräch in Mainz.

Unter anderem bei den Hausärzten sieht er Nachholbedarf. "Zumindest bei jedem Erstkontakt müsste das Impfbuch des Patienten geprüft und auf fehlenden Schutz hingewiesen werden", sagte der Leiter der Universitäts-Kinderklinik. Zepp ist Mitorganisator der "1. Nationalen Impfkonferenz", zu der in Mainz von Donnerstag an mehrere hundert Teilnehmer erwartet werden (wir berichteten).

Er beobachte seit längerem eine "schleichende Impfmüdigkeit" in Deutschland. Das habe unter anderem damit zu tun, dass die Menschen seltener mit schweren Infektionskrankheiten wie etwa Kinderlähmung konfrontiert würden. "In den 1960er und 70er Jahren war dies noch anders, da kannte fast jeder jemanden, der an Kinderlähmung litt", sagte Zepp.

Oft werde vergessen, dass es erfolgreichen Impfkampagnen zu verdanken ist, dass viele gefährliche Infektionskrankheiten sehr selten oder in Deutschland gar ausgerottet seien. "Es kommt hier ein trügerisches Sicherheitsgefühl auf", warnte der Experte. "Menschen nehmen etwas oft nicht mehr als Bedrohung wahr, wenn sie es nicht mehr sehen." Dabei sei etwa die Vorsorge gegen Kinderlähmung oder Diphtherie nach wie vor unerlässlich.

Viele Erwachsene hätten teils prekäre Lücken in ihrem Impfschutz. "Bei den Kindern sieht es noch gut aus. Rund 90 Prozent sind in Deutschland gegen die wichtigsten Krankheiten geimpft", sagte Zepp. Dies liege vor allem an den regelmäßigen Besuchen beim Kinderarzt. Da junge Erwachsene seltener eine Praxis aufsuchten, liege bei den 35-Jährigen die Quote etwa der gegen Diphtherie Geimpften nur noch bei rund 40 Prozent. "Dabei ist es wichtig, den Schutz vor diesen Krankheiten wie auch beispielsweise den gegen Keuchhusten alle zehn Jahre auffrischen zu lassen."

Unter anderem immer wiederkehrende Masern-Ausbrüche in Deutschland zeigten, dass auch Infektionskrankheiten, gegen die ein guter Impfschutz möglich ist, jeder Zeit zurückkehren könnten. "Moderne Impfstoffe sind sehr sicher, an großen Gruppen getestet worden und werden ständig weiter überwacht", betonte Zepp. Er forderte, das Thema Impfen im Biologie-Unterricht stärker zu verankern und auch bei der Ausbildung und Fortbildung von Ärzten intensiver zu behandeln. Von der Nationalen Impfkonferenz erhofft sich der Experte eine umfassende Impfstrategie für Deutschland. Diese sollte festlegen, "was wir wollen, wer es macht und auch wie und durch wen die Ergebnisse überprüft werden".

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