Ärzte Zeitung online, 10.03.2009

Kinderärzte sorgen sich um Masernausbrüche

Schon vor 25 Jahren hatte die WHO beschlossen, nach Pocken und Poliomyelitis bis 2010 auch die Masern in Europa zu eliminieren. Doch daraus wird wohl nichts, bedauert die Stiftung Kindergesundheit aus München. Im Gegenteil: In Deutschland gibt es neue Ausbrüche.

Von Lajos Schöne

Schwerer Ausschlag mit Blutungen bei Masern.

Foto: DGK

Seit Anfang des Jahres sind allein in Hamburg mehr als 100 Masernkranke gemeldet worden. Mit bereits 43 Masernfällen in diesem Jahr setzt sich auch der Ausbruch in Nordrhein-Westfalen fort. Und in der Schweiz wurden mehr als 50 Patienten registriert. Dort ist dieses Jahr auch ein 12-jähriges Mädchen an einer Masern-Enzephalitis gestorben.

"Eltern, die ihrer Sorge zum Impfen nicht nachkommen, gefährden nicht nur die Gesundheit des eigenen Kindes, sondern auch die anderer Menschen", betont Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung. Besonders Kinder sind gefährdet, die aufgrund von Kontraindikationen nicht geimpft werden können, etwa bei angeborenen Immunstörungen oder immunsuppressiver Therapie. Ebenfalls gefährdet sind Babys im ersten Lebensjahr, die für die Impfung noch zu jung sind.

Zur Bekämpfung von Masern empfiehlt die WHO eine Durchimpfungsrate von mindestens 95 Prozent mit dem Dreifachimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln. Für die erste Impfdosis wird in Deutschland dieser Wert bei Kleinkindern annähernd erreicht. Die zweite Impfung erhalten allerdings nur noch 80 Prozent der Kinder, und das ist zu wenig.

Um das von der WHO für 2010 anvisierte Ziel der Masernelimination zu erreichen, dürften in Deutschland jährlich nur bis zu 85 Erkrankungen auftreten. 2008 registrierte das Robert-Koch-Institut jedoch 912 Masernkranke in Deutschland, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor (566). In diesem Jahr sind bereits bis Mitte Februar 115 Erkrankungen gemeldet worden.

In der Schweiz wurden seit dem Ausbruch der Masernepidemie vor zwei Jahren 3400 Erkrankungen registrier. Seit November 2006 gab es dabei über 250 Klinikeinweisungen und 500 Komplikationen. Dazu gehörten 140 Lungenentzündungen sowie 8 Enzephalitiden, eine davon mit tödlichem Ausgang. Von einer harmlosen Krankheit kann also bei Masern also keine Rede sein, betont die Stiftung Kindergesundheit. Das Masernvirus schwächt das Immunsystem und fördert Sekundär-Infektionen aller Art: Pneumonie, Otitis media, Sinusitis und Konjunktivitis.

Außerdem ist das Virus neurotrop und kann zu Störungen des Nervensystems führen. Trotz scheinbar komplikationslosem Verlauf kommt es häufig zu zentralnervösen Auffälligkeiten, die nicht selten zu Verhaltens- und Konzentrationsstörungen über lange Zeit führen. Besondes gefürchtet ist die Masern-Enzephalitis, die nach Angaben des RKI bei jeder 500. bis 2000. Masernerkrankung auftritt. 10 bis 20 Prozent der Betroffenen sterben daran.

Eine besonders schlimme Komplikation ist zudem die SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis). Diese Spätfolge von Masern tritt oft erst mehrere Jahre nach der durchgemachten Erkrankung auf. Sie beginnt mit Verhaltensauffälligkeiten und führt im Verlauf von Monaten bis Jahren unter fortschreitendem Abbau geistiger und motorischer Fähigkeiten zur Zerstörung des Gehirns und schließlich zum Tod.

"Eltern sollten wissen: Keine andere Maßnahme der Medizin hat bisher mehr Leben gerettet als Impfungen", betont der Kinderarzt Koletzko deshalb. Und: Durch die Masernimpfung ihrer Kinder tragen Eltern dazu bei, die Herdenimmunität zu verbessern und auch besonders gefährdete Kinder zu schützen.

Mythen und Fakten zur Masernimpfung

Mythos 1: Das Durchmachen der Krankheit fördert die Entwicklung des Kindes.

Tatsache: Ein Ammenmärchen. Eine Impfung stärkt das Immunsystem des Kindes, eine Krankheit belastet es. Es gibt keine Studie, die zeigen würde, dass sich nicht geimpfte Kinder geistig oder körperlich besser entwickeln als geimpfte.

Mythos 2: Zu viele Impfungen belasten das Immunsystem eines Kindes.

Tatsache: Impfstoffe enthalten nur wenige Millionstel Gramm eines Antigens. Das ist weniger an Fremdeiweiß, als ein Kind nach einer Mahlzeit im Blut hat. Schon ein Kuss der Eltern kann dem Baby weit mehr Keime verabreichen als eine Impfung.

Mythos 3: Impfen fördert Allergien.

Tatsache: Es gibt heute in der Tat mehr Impfungen und auch mehr Allergien. Ob das eine jedoch mit dem anderen zusammenhängt, ist nicht belegt. In der DDR, wo fast alle Kinder geimpft wurden, gab es kaum Allergien. Nach der Wende nahmen die Allergien auch im Osten zu, gleichzeitig sanken die Impfraten. (eb)

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