Ärzte Zeitung online, 04.02.2010

Röteln: Ungeimpfte bringen Schwangere und Ungeborene in große Gefahr

MÜNCHEN (eb). Röteln bei einer Schwangeren gehören noch immer zu den größten Gefahren für das Ungeborene. Die Stiftung Kindergesundheit appelliert daher an Ärzte, Kinder vollständig gegen die Krankheit zu schützen, damit die Erregerzirkulation gestoppt wird.

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Welche Gefahren von Röteln ausgehen können, verdeutlicht Professor Berthold Koletzko von der Universitätskinderklinik München anhand einer Rötelnepidemie vor fünf Jahren in den Niederlanden (Pediatr Infect Dis J 28, 2009, 795).

Betroffen waren dort fast ausschließlich Mitglieder einer protestantischen Gemeinde, die Impfungen generell ablehnen. Zwischen September 2004 und Juli 2005 traten 387 Rötelnfälle auf, davon 98 Prozent bei ungeimpften Personen. Angesteckt wurden dabei auch 32 nicht-geimpfte Schwangere. Die Folgen: Zwei Babys kamen tot zur Welt. Von den 30 lebend geborenen Kindern hatten elf eine Röteln-Embryopathie.

Alle elf Babys waren taub, sechs kamen mit Herzfehlern zur Welt, drei Kinder wiesen eine Mikrozephalie auf. Bei sechs der elf Kinder wurde im weiteren Verlauf eine deutliche Verzögerung der Entwicklung registriert, berichtet der Vorsitzende der Stiftung Kindergesundheit. "Mögliche Folgen von Röteln für ein ungeborenes Kind sind Hirnschäden und geistige Behinderungen, Blindheit, Taubheit, Herzfehler, Leberentzündungen und Knochenveränderungen", warnt Koletzko.

Mit Impfungen sind solche Schäden zuverlässig vermeidbar. Voraussetzung dazu ist allerdings, dass schon kleine Kinder konsequent geimpft werden, damit sie nicht ungeschützte Schwangere anstecken können. Die sonst harmlosen Viren können dabei in den heranreifenden Organen große Schäden anrichten. Das Tückische: Jede zweite Infektion mit Röteln verläuft ohne Ausschlag oder sogar ganz ohne Symptome. Werdende Mütter wissen daher oft nicht, dass sie angesteckt worden sind.

Das Risiko einer Schädigung des Kindes im Mutterleib liegt im ersten Schwangerschaftsmonat bei 60 Prozent, im zweiten Monat bei 25 Prozent und im dritten Monat bei 15 Prozent. Nach dem vierten Monat ist die Entwicklung der Organe im Wesentlichen abgeschlossen, gravierende Schäden sind dann nicht mehr zu erwarten.

Durch Impfkampagnen ist der Anteil der Frauen, die im fruchtbaren Alter keine Antikörper gegen Rötelnviren im Blut haben, von etwa zwölf Prozent vor 30 Jahren auf zwei bis drei Prozent gesunken. Damit ist auch das Risiko für Röteln-Embryopathien kleiner geworden: In den letzten Jahren wurden nur noch sporadische Fälle in Deutschland gemeldet, drei betroffene Kinder im Jahr 2004, je ein Fall in den Jahren 2001, 2002, 2003, 2006 und 2008.

Allerdings geht das Robert-Koch-Institut von einer erheblichen Untererfassung aus, weil nur erkennbar geschädigte Neugeborene gemeldet werden. Zudem gibt es auch heute noch viele Schwangerschaftsabbrüche wegen Röteln: Von den 114 484 Abbrüchen im Jahr 2008 in Deutschland sind 2 989 aus einer medizinischen Indikation vorgenommen worden. Darunter fallen auch die Abbrüche wegen Röteln-Embryopathie.

Zur Impfung empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO):

  • Alle Kinder sollten mit einem Kombinationsimpfstoff gegen Mumps, Masern und Röteln (MMR) oder MMRV (zusätzlich gegen Windpocken) geimpft werden, in der Regel im Alter von elf bis 14 Monaten.
  • Bis zum zweiten Geburtstag sollte eine zweite Impfung erfolgt sein. Der Mindestabstand zwischen zwei Dosen MMR oder MMRV-Impfstoff sollte vier bis sechs Wochen betragen.
  • Steht bei einem Kind die Aufnahme in eine Krippe oder Kindertagesstätte an, kann die Kombinationsimpfung schon ab dem neunten Lebensmonat erfolgen.
  • Die MMR-Impfung kann in jedem Alter erfolgen. Empfohlen wird sie auch für alle ungeimpften empfänglichen Personen im Gesundheitsdienst und in Gemeinschaftseinrichtungen und Kinderheimen.
  • Eine zusätzliche Rötelnimpfung für Mädchen ist nicht nötig, wenn bereits zwei MMR-Impfungen vorgenommen worden sind. Ist nur eine MMR-Impfung vorausgegangen, dann ist die zweite Impfung möglichst frühzeitig nachzuholen. Bei der Jugendgesundheitsuntersuchung J1 sollten alle Jugendlichen zwei MMR-Impfungen erhalten haben.

Die MMR-Impfrate ist noch immer zu niedrig. Nach aktuellen Erhebungen erhalten bundesweit zwar 94,5 Prozent der Kinder die erste MMR-Impfung aber bis zur Einschulung nur 68,2 Prozent die zweite.

Die MMR-Impfung ist sehr gut verträglich, so die Stiftung Kindergesundheit. Nebeneffekte bestehen gelegentlich in einer milden Rötelnerkrankung mit mäßigem Fieber, Ausschlag und Lymphknotenschwellung. Jugendliche können wenige Tage nach der Impfung auch leichte Gelenkbeschwerden haben. Die Masernkomponente des Impfstoffs kann zu vorübergehenden "Impfmasern" mit Fieberanstieg bis zu 39° C und Ausschlag führen. Die MMR-Impfung ist auch dann problemlos möglich, wenn bereits durch eine durchgemachte Erkrankung eine Immunität gegen Masern, Mumps oder Röteln bestehen sollte.

Frauen sollten vor einer geplanten Schwangerschaft zuverlässig wissen, dass sie gegen Röteln immun sind, empfiehlt die Stiftung Kindergesundheit. Einen genauen Aufschluss darüber ermöglicht die Bestimmung der Rötelnantikörper im Blut. Bei negativen oder fraglichen Ergebnissen sollte die junge Frau gleich gegen Röteln geimpft werden. In der Schwangerenvorsorge ist ein Rötelntest inbegriffen.

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