Ärzte Zeitung, 08.02.2010
Engpässe
bei Kinder-Impfstoffen:
Für alle betroffenen Vakzinen gibt es Alternativen
GlaxoSmithKline (GSK) wird vorgeworfen, es habe sich
zu stark auf den Pandemie-Impfstoff konzentriert und dabei die
Produktion wichtiger Kinder-Impfstoffe vernachlässigt.
Lieferengpässe seien aber bei der Herstellung von Biologika
nicht immer zu vermeiden, wehrt sich GSK.

Die letzte Packung Sechsfachvakzine im
Kühlschrank: Vielen Arztpraxen gehen jetzt Kinder-Impfstoffe
aus. © [M] Packung: GSK | Arzthelferin: Kzenon / fotolia.com
Das Unternehmen GlaxoSmithKline (GSK)
kann zur Zeit sieben seiner Kinder-Impfstoffe nicht liefern.
Eingeräumt werden Schwierigkeiten bei der Produktion, die
allerdings - anders als in vielen Medien berichtet - nur zum Teil durch
die Herstellung des Schweinegrippe-Impfstoffs Pandemrix®
bedingt seien. Am 8. Februar nachmittags meldete GSK, dass der
Sechsfach-Impfstoff Infanrix hexa ® ab Montag, 15.
Februar, wieder lieferbar ist. 200.000 Dosen seien bereits vom
Paul-Ehrlich-Institut freigegeben.
Für alle betroffenen Impfstoffe gibt es zur Zeit
(noch) Alternativen auf dem Markt, betont das Paul-Ehrlich-Institut
(PEI) in Langen. Allerdings müssen zum Teil
Impfstoffkombinationen durch Einzel-Impfstoffe ergänzt werden.
Mit Vorrang sollten jetzt Säuglinge und Kleinkinder
grundimmunisiert und Auffrischimpfungen verschoben werden, rät
das PEI. GSK hofft, bis Ende Februar die wichtigsten Impfstoffe wieder
liefern zu können. Nicht verfügbar sind nach Angaben
von GSK zurzeit:
- die Sechsfach- und
Fünffach-Impfstoffe Infanrix® (Diphtherie, Tetanus,
Pertussis, Hib und Polio sowie Hepatitis B),
- die
MMRV-Impfstoffe Priorix® Tetra (Masern, Mumps, Röteln,
Varizellen),
- die Dreifach- und Vierfach-Impfstoffe
Boostrix® (Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Polio, Ausnahme
Einerpackung Vierfachimpfstoff) sowie die Impfstoffe gegen Rotaviren
und Varizellen (Rotarix® und Varilrix®).
Das PEI verweist als mögliche
Alternative zur Überbrückung des Engpasses auf
weitere in Deutschland zugelassene Kombinations- und Einzelimpfstoffe (www.pei.de/impfstoffe).
So gibt es von Sanofi-Pasteur MSD den Fünffach-Impfstoff
Pentavac® sowie einen MMR-Impfstoff, einen Windpocken- und
einen Rotavirus-Impfstoff. Im Einzelfall ist allerdings zu
prüfen, ob damit bereits begonnene Impfserien
vervollständigt werden können.
Für die Überbrückungs-Zeit
empfiehlt das PEI einer Grundimmunisierung von Kindern
gegenüber Auffrischimpfungen den Vorrang zu geben.
Für den Impfstoff Infanrix® hexa sollte dabei die
erste und zweite Impfung prioritär vor einer Auffrischimpfung
erfolgen. Bei der
Masern-Mumps-Röteln-Windpocken-(MMRV)-Impfung könne
die zweite Impfung später nachgeholt werden. Die zweite
MMRV-Impfung dient dazu, eventuelle Impflücken zu
schließen.
Schwere Vorwürfe äußerte der
Präsident des Berufsverbands der Kinder- und
Jugendärzte (BVKJ), Dr. Wolfram Hartmann in einem
Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Keuchhusten bei
Säuglingen kann lebensgefährlich sein, und eine
Hib-Infektion kann zu Kehlkopfentzündung oder
Hirnhautentzündung führen, die beide den Tod bedeuten
können", erklärte Hartmann und übte scharfe
Kritik an GSK: "Die haben die Produktion des Schweinegrippe-Impfstoffs
Pandemrix® angenommen, weil damit viel Geld zu verdienen war
und haben die Bedürfnisse von Kindern hinten
angestellt."
Er
sprach von einen "nicht hinnehmbaren Skandal", der die Politik auf den
Plan rufen müsse. "Wir können nicht akzeptieren, dass
die Kinder-Sicherheit gefährdet wird, weil sich ein
Pharmaunternehmen aus wirtschaftlichen Gründen für
die Produktion lukrativerer Impfstoffe entscheidet." "Man
weiß vorab genau, welche Menge nötig ist. Diese
Mengen müssen über Lieferverträge gesichert
sein.
Die Impfstoffe sind mehrere Jahre haltbar und können
mühelose eingelagert werden." GSK habe Anfang Januar die
Kinderärzte auf drohende Engpässe hingewiesen.
Hartmann kritisiert aber: "Es wurde so kurzfristig informiert, um
Hamsterkäufen vorzubeugen". Nun säßen schon
viele Praxen auf dem Trockenen. Es sei unklar, wie lange es keine
Lieferungen mehr geben werde.
Kritik kommt auch von der SPD. "Das ist eigentlich
unverantwortlich von den Herstellern", sagte die stellvertretende
SPD-Fraktionsvorsitzende Elke Ferner. GSK ist unter anderem wegen der
Produktion des Impfstoffs gegen Schweinegrippe ausgelastet. "Man
hätte - als man die Verträge abgeschlossen hat -
sicherstellen müssen, dass es da keine Lieferengpässe
gibt", sagte Ferner mit Blick auf die Bestellung der
Schweinegrippe-Impfstoffe der Bundesländer im vergangenen Juli.
GSK bedauere die Verzögerungen sehr, heißt
es in einer Stellungnahme. Diese seien aber nicht
ausschließlich auf die massenhafte Herstellung von
Pandemrix® zurückzuführen. Die Produktion von
Impfstoffen sei ein sehr komplexer biotechnischer Prozess. "Die
Herstellung unseres Sechsfach-Impfstoffs beispielsweise dauert in der
Regel ein Jahr." GSK weist darauf hin, dass Kliniken mit kritisch
kranken Kindern, bei denen eine Impfung unumgänglich ist (wie
Frühgeborene) aus einer Notreserve beliefert werden. (eis/dpa)
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