Ärzte Zeitung, 26.08.2011

Influenzaschutz für chronisch Kranke und für alle über 60

Die Impfung gegen Influenza hat einen mehrfachen Nutzen: Wer geimpft ist, erkrankt nicht oder nicht so schwer an der Virusgrippe. Geimpfte stecken zudem andere Menschen - Patienten auf der Intensivstation, Immunsupprimierte - seltener an. Auch der impfende Arzt gewinnt, da Impfleistungen nicht ins Budget fallen.

Von Michael Hubert

Influenzaschutz für chronisch Kranke und für alle über 60

Das Impfbuch ist fast so etwas wie eine Versicherungspolice: In ihm ist der Schutz vor Infektionskrankheiten verbrieft.

© pix4U / fotolia.com

LANGEN. Das Influenza-Virus ist ein extrem variabler Erreger. Daher erfolgt in der Regel für jede Grippesaison eine Anpassung der Impfstämme. In der aktuellen Saison 2011/2012 sind - eine Ausnahme - dieselben Stämme im Impfstoff enthalten, wie in der Saison 2010/2011.

Patienten werden daher möglicherweise fragen, "muss ich dieses Jahr wieder geimpft werden?". Die Antwort lautet "ja". Denn schließlich wird die Impfung gegen Influenza genau jenen Patienten empfohlen, deren Immunsystem nicht mehr so fit ist. "Es ist davon auszugehen, dass bei diesen Menschen der Impfschutz nicht so lange anhält, auch wenn es keine Studiendaten dazu gibt", sagt Dr. Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Die Grippeimpfung lebt von der regelmäßigen Impfung", so Stöcker. Eine einzelne Impfung mache noch keine Grundimmunisierung. Deshalb erhielten kleine Kinder ja auch zwei Dosen des Influenza-Impfstoffs. "Und auch wenn es keine Daten zum Immungedächtnis bei regelmäßigen Grippeimpfungen gibt, Hinweise für einen besseren Immunschutz bei regelmäßiger Grippeimpfung existieren jedoch", ergänzt Stöcker.

Müssen die Patienten mit vermehrten Lokalreaktionen rechnen, wenn sie in zwei Jahren hintereinander mit denselben Stämmen geimpft werden? "Das ist nicht zu befürchten", sagt Stöcker. Solche Meldungen hat das PEI für die vergangene Impfsaison nicht erhalten. Da sei in der saisonalen Vakzine ja auch das Schweinegrippe-Virus enthalten gewesen, gegen das in der Saison davor geimpft wurde - wenn auch nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung. Und auch während der H1N1-Pandemie gab es keine vermehrten Meldungen über Patienten, die sowohl die saisonale als auch die pandemische Vakzine erhalten hatten.

Die Impfraten in Deutschland könnten rückläufig werden. Tendenzen in diese Richtung haben Leser der "Ärzte Zeitung" bereits vergangene Impfsaison gemeldet. Dazu beigetragen hat wohl die - auch in der Ärzteschaft - hoch kontrovers geführte Debatte um die Pandemie-Impfung. Doch Umfragen zeigen immer wieder: Die meisten Patienten würden dem Rat ihres Arztes folgen, sich impfen zu lassen. Die konsequente Ansprache jener Patienten, denen die Influenza-Impfung empfohlen wird, ist damit bereits die halbe Miete.

Dass das Influenza-Virus kein harmloser Erreger ist, verdeutlichen folgende Zahlen: In den USA wird jeder 20. Todesfall bei Menschen über 65 Jahren auf Influenza zurückgeführt. In Deutschland verursacht die Virusgrippe zwei bis fünf Millionen zusätzliche Arztbesuche pro Jahr, es wird mit mehreren tausend Todesfällen gerechnet (Internist online, 2. August 2011).

Besonders gefährdet sind Menschen über 60 Jahre und chronisch Kranke jeden Alters. Zu letzteren zählen Patienten mit Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Immundefekten sowie chronischen Erkrankungen der Atemwege. So litt etwa jedes dritte Kind, das während der Jahre 2003 bis 2009 wegen einer Virusgrippe ins Krankenhaus musste, unter Asthma.

Eine Infektion mit Influenza-Viren kann durch sekundäre Effekte - etwa erhöhte Katecholaminspiegel - ein akutes Koronarsyndrom triggern. Die Grippeimpfung wird daher in den USA als Sekundärprävention gleichberechtigt mit Antihypertensiva und Blutfettsenkern empfohlen. Eine Influenza-Pneumonie kann durch eine kardiale Beteiligung zudem zu einer erhöhten Mortalität führen.

Eine bedeutende Impfzielgruppe ist medizinisches Personal. Hier besteht nicht nur eine eigene Gefährdung, medizinisches Personal kann eine Infektionsquelle für betreute ungeimpfte Risikopersonen sein. Die Impfraten in Deutschland sind meist recht niedrig. In den USA liegen sie bei knapp 60 Prozent, und wenn eine Impfung verlangt wird, bei 98 Prozent.

Neues zu Grippeimpfstoffen

Welche Impfstoffe für 2011/2012 zugelassen sind
Eine Übersicht über in Deutschland zugelassene Grippeimpfstoffe bietet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) auf seiner Homepage. Dort sind aktuell 14 Impfstoffe verzeichnet, alle sind inaktivierte Spaltimpfstoffe oder sogenannte Subunit-Impfstoffe. In der Liste sind allerdings nur jene Impfstoffe verzeichnet, die eine Zulassung plus eine Stammanpassung für die aktuelle Influenzasaison haben. Über die Marktverfügbarkeit oder Zahl der jeweils zugelassenen Impfdosen gibt die Tabelle keine Auskunft.

Grippevakzine kommt auch aus der Zellkultur
Grippeimpfstoff lässt sich auch ohne Hühnereier herstellen. Das zeigen die beiden Unternehmen Baxter (mit PREFLUCEL) und Novartis Vaccines (mit Optaflu®). Die Produktion beider Influenza-Impfstoffe erfolgt in Zellkultursystemen und ist damit vollkommen unabhängig von Hühnereiern. Novartis Vaccines nutzt für seinen Impfstoff eine Zelllinie aus der Niere eines Cockerspaniels, während Baxter eine Zelllinie aus der Niere einer grünen Meerkatze verwendet. Für die Saison 2011/2012 werden voraussichtlich in Deutschland nur Dosen des Baxter-Impfstoffs verfügbar sein.

Impfstoffe mit neuen Applikationsformen
Impfstoffe werden üblicherweise intramuskulär gegeben, sieht man von Schluckimpfungen ab. Bei Grippeimpfstoffen gibt es jetzt neue Formen der Applikation: Intanza® von Sanofi Pasteur MSD wird intradermal verabreicht. Die Vakzine ist zugelassen für Menschen ab 60 Jahre. Über die Nase, also intranasal, wird Fluenz® von AstraZeneca verimpft, und zwar an Impflinge im Alter von 24 Monaten bis 18 Jahren. Beide Impfstoffe sollen die Immunogenität erhöhen. 2011/2012 wird in Deutschland nur Intanza® verfügbar sein, 20012/2013 dann auch Fluenz®.

Möglichkeiten zum Schutz vor Nadelstichverletzungen
Auch beim Impfen besteht das Risiko einer Nadelstichverletzung. Dieses Risiko lässt sich mindern: Zum einen gibt es Impfstoffe in Fertigspritzen mit einem Nadelschutz, etwa Afluria®. Zum anderen sind einfache Regeln beim Umgang mit spitzen Gegenständen und Infektionsrisiken zu beachten. Eine lautet: Die Kappe gehört nicht auf die Kanüle, sondern die Kanüle ohne Kappe in den Spezialbehälter. So wird das größte Nadelstichrisiko minimiert. Zweite Regel: Nicht ablenken lassen, die Augen immer auf dem spitzen Gegenstand. Und: Ein Notfallplan ist Pflicht.

Für Patienten: Impfbroschüre ist ab Mitte September erhältlich

AMNOG: Abschläge bereiten Herstellern Kopfzerbrechen

Es gibt viele Fragen zum Thema Impfen: Gegen welche Krankheiten sollte man sich schützen? Sind Impfungen sicher? Was sollte im Zusammenhang mit Impfungen beachtet werden?

Antworten auf die häufigsten Fragen von Patienten zum Thema Impfen gibt die Broschüre "Impfschutz für die ganze Familie - 20 Fragen, 20 Antworten", und zwar in knapper Form.

Die Broschüre im handlichen Format DIN A4 wurde von Springer Medizin und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erstellt. Sie liegt am 13. September der Ärzte Zeitung bei, mit einem Bestellfax.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Verursachen Bakterien heftige Bandscheiben-Beschwerden? Für Forschungen zur Behandlung von Rückenschmerzen mit Antibiotika wurde jetzt der Deutschen Schmerzpreis verliehen. mehr »

Ethikrat sucht nach dem goldenen Mittelweg

Wann ist eine medizinische Zwangsbehandlung fürsorglicher Schutz, wann ein unangemessener Eingriff? Diesen Fragen widmet sich aktuell der Deutsche Ethikrat. mehr »

Ein Wettbewerbsverbot ohne Entschädigung ist ungültig

Wettbewerbsverbot ohne Karenzentschädigung? Das geht nicht, urteilt das Bundesarbeitsgericht. Ist das im Arbeitsvertrag dennoch so vorgesehen, können Arbeitnehmer nachträglich aber kein Geld einklagen. mehr »