Ärzte Zeitung, 12.11.2012

Kommentar zur Grippeimpfung

Der Zwang zur Vernunft

Von Thomas Meißner

Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen - vernünftig handeln tut er deshalb noch lange nicht! Das gilt auch fürs Thema Impfen. Warum rasen Menschen? Warum rauchen Menschen?

Weil das sofortige Glücksgefühl, der unmittelbare Nutzen mehr motiviert als eine sinnlich nicht wahrnehmbare Gefahr in der Zukunft. Weil das Risiko beherrschbar erscheint.

Weil unsere Nutzen-Risiko-Abwägung weniger von Statistiken als von eigener Erfahrung und äußeren Einflüssen gesteuert wird. Und darum brauchen wir eine Influenza-Impfpflicht: in öffentlichen Einrichtungen und Behörden, in Kindergärten und Schulen sowie in Einrichtungen des Gesundheitswesens.

"Furchtappelle nützen nichts", sagt eine Psychologin. Das wissen wir vom Rauchen und aus dem Straßenverkehr. Besser werben?

Auch drastische Anti-Raucher-Werbung hat nicht die Effekte gebracht wie es die überraschend deutlichen Erfolge der Nichtraucherschutzgesetze getan haben.

Einige Infektionserreger wieInfluenzaviren verfügen über das Potenzial, das öffentliche Leben einer Gesellschaft nachhaltig zu stören. Wir wissen das, wollen es aber nicht glauben.

Doch das Wohl der Gemeinschaft ist in diesem Fall wichtiger als die Freiheit des Einzelnen. Auf das rationale Verhalten von Bürgern kann man sich nicht verlassen. Deshalb haben sich Gesellschaften Gesetze gegeben.

Lesen Sie dazu auch:
Influenza: Mit Angst wächst die Impfbereitschaft nicht

[13.11.2012, 22:30:18]
Dr. Karlheinz Bayer 
Kommentar zur Grippeimpfung ?
Ich zitiere: "Einige Infektionserreger wie Influenzaviren verfügen über das Potenzial, das öffentliche Leben einer Gesellschaft nachhaltig zu stören. Wir wissen das, wollen es aber nicht glauben."

Ist diese Aussage richtig? Oder sollte sie nicht besser heißen

"Einige Infektionserreger wie Influenzaviren verfügen über das Potenzial, das öffentliche Leben einer Gesellschaft nachhaltig zu stören. Wir glauben das, können es aber nicht wissen."

Was wissen wir?

1. Daß jedes Jahr etwas anderes beimpft wird (die Influenza) als das, wogegen die Menschen eigentlich vorsorgen wollen (die saisonale Grippe).

2. Daß die Viren derart mutationsfreudig sind, daß der Impferfolg unsicher ist (die seit Jahren immer wieder unerfüllten Prognosen beklegen das).

3. Daß die Impfreaktionen häufig und grippeähnlich sind, dabei so gravierend, daß sie das eigentlich gewollte Impfzielins Gegenteil verkehren können (ich impfe seit 30 Jahren, das ist empirisch belegbar!).

4. Daß die Impfstoffhersteller alles andere als transparent und öffentlichkeitsnah kommunizieren ( SChweinegrippe - Vogelgrippe - Imfstoffrabatte - Impfstoffbevorratung - Impfstoffanzüchtung auf Tumorzellen ... was vergessen?)

5. Daß die Zielgruppen entweder falsch positioniert sind (wie das bei den Alten der Fall ist) oder umstritten (wie das bei den Dialysepatientzen und Immungeschwächten der Fall ist) oder sie nicht einmal annähernd erreicht werden (wie bei mir und der Mayorität der ärztlichen Kolleginnen und Kollegen).

Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, da hat Herr Meißner wohl recht. Aber auch Skeptik ist ein Ausdruck von Vernunft, und die vorgeführte Impfstrategie ist es definitiv nicht.

Autohändler, die in ähnlicher Weise vorgehen würden wie die Impfstoffbewerber würde man feuern.

Zu der theoretisch gegebenen und unterstellten Vernunft, die sich hinter einer Impfpflicht verbergen soll, möchte ich mich enthalten, sonst wird dieser Beitrag eher nicht gedruckt werden.
Aber ich möchte dem Kommentator den Rat geben, sich die Zielgruppe seiner Leser vor Augen zu halten: es handelt sich bei uns um Ärzte und nicht um Vollzugsbeamte.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal



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[13.11.2012, 19:20:26]
Dr. Horst Grünwoldt 
Grippe- "Impfpflicht"?
Impf-Pflicht gab es viele Jahrzehnte gegen die Pocken. Und die war offensichtlich hilfreich bei der globalen Ausrottung (bis auf wenige krypte Herde) dieser Infektions-Krankheit. Impf-Zwang gibt es auch immer noch gegen einige endemische Krankheiten, wie die Gelbfieber-Impfung vor der Einreise in die meisten tropischen Regionen.
Ist ein ähnlicher Impfschutz gegeben oder ist sogar die Eridikation nach Zwangs-Impfungen gegen ein sich ständig antigenetisch veränderndes Influenza-Virus zu erwarten? (Wer denkt da nicht an das Igel-und Hase-Rennen?)
Ich glaube nicht, wenn sogar die Mehrheit der Hochrisiko-Gruppe, -die Ärzte-, sich bekanntlich den freiwilligen Anti-Grippe-Impfungen entziehen und die Impfstoff-Hersteller selbst zur Verunsicherung über Nutzen/Schaden und zweifelhaften Impfschutz beitragen.
Ein gesetzlicher Grippe-Impfzwang scheint mir bis heute aus fundamental-demokratischer Sicht undenkbar, weil unser Staat nur den realen, und nicht bloß hypothetischen, Gefahren per Verordnung oder Gesetz begegnen darf. Zumal bei Eingriffen in die körperliche Unversehrtheit von menschlichen Individuen.
Wie der Umgang mit grippeähnlichen Erkältungskrankheiten seit langem zeigt, verbreiten die sich alleine "seuchenhaft", wenn elementare Hygiene-Regeln mißachtet werden; z.B. der schlichte Gebrauch von Tempo-Taschentüchern beim Husten und Nießen und danach das Händewaschen mit Seife. Oder das Unterlassen von Intimkontakten für eine Weile...
Schließlich ist der Übertragungsweg bei der "echten" Grippe gleichartig.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (FTA für Hygiene und Mikrobiologie), Rostock zum Beitrag »

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